BEI EXPERTEN NACHGEFRAGT
Natur pur - gibts da einen Haken? -
Verbraucherwünsche im Widerstreit
UNSER EXPERTE: Prof. Dr. Gerhard Billek, Lebensmittelchemiker, Privatdozent an der
Universität Hamburg.
Bedeuten die Qualitätsbegriffe natürlich, nativ,
naturbelassen oder rein im Grunde genommen immer dasselbe?
Billek: Nein, denn nach § 17 des Lebensmittel- und
Bedarfsgegenstände-Gesetzes ist ein Produkt als natürlich oder naturrein zu
bezeichnen, wenn es weder Zusatzstoffe noch genau definierte Rückstände, wie z.B.
Pestizide, enthält. Im Gegensatz zu naturrein besagt der Ausdruck rein lediglich,
daß es sich um ein sortenreines Öl handelt, das von einer einzigen Pflanze stammt, und
hinsichtlich Geruch, Geschmack, Verunreinigung, Säure- und Peroxidzahl besondere
qualitative Anforderungen erfüllt. Von einem nativen Öl spricht man, wenn es
durch Ausschmelzen, schonendes Pressen oder Zentrifugieren gewonnen wurde, während das
Wort naturbelassen gesetzlich nicht definiert ist, aber im Sinne von natürlich
oder naturrein genutzt wird.
Sind naturbelassene Öle frei von Schadstoffen?
Billek: Viele Verbraucher glauben, daß alles, was direkt aus der
Natur kommt, besonders gut ist. Das stimmt leider nicht immer. Im eigentlichen Wortsinn
bedeutet "naturbelassen", wenn im Verlauf der Gewinnung nichts hinzugefügt und
nichts entzogen wurde. Somit können diese Öle je nach der Reinheit der Rohwaren unter
Umständen mehr oder minder mit Schadstoffen belastet sein.
Sind beste Rohwaren ein Garant für minimale Schadstoffgehalte?
Billek: Qualitativ hochwertige, kaltgepreßte Speiseöle enthalten
nur sehr wenig Schadstoffe. Da unsere Umwelt aber verschmutzt ist, geht kein Weg daran
vorbei, daß in nicht raffinierten Ölen Schadstoffe verbleiben. Intern haben sich die
qualitätsbewußten Hersteller nicht raffinierter Speiseöle verpflichtet, nur Rohwaren
einzusetzen, die so schadstoffarm sind, daß die Endprodukte nicht mehr als ein Zehntel
der in der Höchstmengenverordnung geduldeten Grenzwerte enthalten. Damit ist auch der
Verbraucher auf der sicheren Seite, da die Höchstmengenverordnung die Schadstoffgehalte
recht streng reglementiert, vor allem für pflanzliche Fette und Öle, weniger für
tierische Fette, die nicht raffiniert werden dürfen.
Ist es kein Widerspruch, daß ein naturreines Produkt industriell
zwar nicht gereinigt werden darf, gleichzeitig aber frei von Schadstoffen sein soll?
Billek: Ohne erstklassige Rohwaren, die fast frei von Schadstoffen
sind, kann ein Hersteller diesen Ansprüchen nicht gerecht werden. Da die Methoden der
Analytik immer empfindlicher werden und man heute schon unvorstellbar kleine Spuren eines
Stoffes nachweisen kann, müßte man eigentlich sagen: Frei von Schadstoffen nach den
derzeit verfügbaren Analysemethoden.
Trifft diese Problematik nicht auch auf tierische Fette zu?
Billek: Die Raffination von Fetten tierischer Herkunft ist in
Deutschland erst seit ca. 10 Jahren erlaubt, aber ein raffiniertes Schweineschmalz darf
z.B. nicht als "Schmalz" verkauft werden. Im Vergleich zu pflanzlichen Fetten
ergeben sich für nicht raffinierte tierische Fette einige Nachteile: Unbehandelte
Lebensmittel können höhere Schadstoffgehalte aufweisen als industriell gereinigte. Dies
berücksichtigt auch die Lebensmittelgesetzgebung, die z.B. für den Pestizidgehalt in
Milch, Milcherzeugnissen und damit auch in Butter weitaus höhere Limits erlaubt als etwa
in Margarine, für deren Herstellung pflanzliche Rohwaren raffiniert werden müssen.
Wie rein ist ein reines Öl?
Billek: Mit dem Hinweis "rein", z.B. reines
Sonnenblumenöl, macht der Anbieter deutlich, daß das Erzeugnis hinsichtlich seiner
Beschaffenheitsmerkmale (Geruch, Geschmack, Verunreinigung, Säure- und Peroxidzahl)
besondere Anforderungen erfüllt und sortenrein ist. Für Olivenöl hat die Bezeichnung
"rein" eine rechtlich geregelte Bedeutung: Als reines Olivenöl wird ein
Verschnitt von nativem Olivenöl und raffiniertem Olivenöl bezeichnet.
Welche Verfahrensschritte dürfen native Speiseöle durchlaufen?
Billek: Nicht raffinierte und native Speisefette und -öle werden
durch Ausschmelzen oder schonende mechanische Verfahren wie Pressen oder Zentrifugieren
des Ausgangsmaterials hergestellt. Sie sind gewaschen und/oder mit Wasserdampf behandelt,
getrocknet und filtriert. Die Öle sind jedoch nicht entsäuert, gebleicht oder
desodoriert.
Kaltgeschlagen oder kaltgepreßt - gibt es da einen Unterschied?
Billek: Nein. Der Begriff kaltgeschlagen stammt aus dem
Mittelalter, obgleich die Ölbauern die Oliven damals in Bottichen eher gestoßen als
geschlagen haben. Kaltgepreßt werden in erster Linie Fruchtfleischöle, da das
Kaltpressen von Samenölen wegen der zu geringen Ausbeute kaum lohnt.
Erzeugt das Pressen keine Wärme?
Billek: Bei den früher üblichen Spindelpressen entstand relativ
wenig Wärme - allerdings war auch die Ausbeute an Öl gering. Beim Einsatz von
Schneckenpressen werden höhere Temperaturen bei gleichzeitig höherer Ölausbeute
erzeugt. Beim Kaltpressen von Oliven entstehen heute Temperaturen von 40o C. Werden Ölsamen kaltgepreßt, steigt die Temperatur
auf ca. 700 C.
Welche Schadstoffe sind besonders problematisch?
Billek: Die polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAC)
beispielsweise - ob sie jedoch, durch die Nahrung aufgenommen, überhaupt krebserregend
sind, ist nicht eindeutig bewiesen. Man darf aber nicht ausschließen, daß Verbindungen,
die als kanzerogen gelten und zum Beispiel auf der Mäusehaut bösartige Tumore
hervorrufen, auch für den Menschen krebserregend sein können.
Welche Pflanzen weisen hohe Konzentrationen auf?
Billek: Grünkohl hatte früher einen sehr hohen Gehalt an PAC,
weil er den Winter über auf dem Feld stand und sich der Schmutz aus der Luft in aller
Ruhe auf seiner Oberfläche niederließ. Getreide hat dagegen sehr niedrige
PAC-Konzentrationen und die Erdnuß überhaupt keine, da sie tadellos in ihrer Schale
verpackt in der Erde wächst. Während der Raffination von Pflanzenölen lassen sich die
polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe mit Aktivkohle vollständig herausholen.
In nicht raffinierten Ölen können diese Schadstoffe also enthalten
sein, wenn die Pflanzen in einer durch Autoabgase verseuchten Atmosphäre wachsen?
Billek: Ja, aber man findet heute kaum noch Olivenhaine in
Autobahnnähe. Ein kaltgepreßtes Fruchtfleischöl kann unter Umständen stärker mit
Schadstoffen belastet sein als ein industriell raffiniertes, aber insgesamt geht es um
sehr niedrige Schadstoffgehalte.
Wer kontrolliert die Schadstoffgehalte von nicht raffinierten
Pflanzenölen?
Billek: Die Gesundheitsbehörden, allerdings nur Produkte, die im
eigenen Lande hergestellt werden. In Deutschland gelten oft niedrigere Limits für
Schadstoffgehalte als in anderen Ländern, aber europäische Importware ist mit
Zertifikaten versehen, die bezüglich Qualität und Schadstoffgehalt den bei uns geltenden
Höchstmengen entsprechen. Dies gilt nicht für Ware aus dem Osten.
Wie problematisch sind Rückstände von Pflanzenschutzmitteln?
Billek: Dabei handelt es sich um Pestizide, von denen vor allem die
chlorierten Kohlenwasserstoffe heutzutage weltweit in Tieren und Pflanzen zu finden sind.
Es sind flüchtige Verbindungen, die bei der Dämpfung von Speisefetten und -ölen fast
vollständig entfernt werden. Bei kaltgeschlagenen Pflanzenölen können sie, je nach
Provenienz und Art des Anbaus zunächst zwar enthalten sein, werden aber durch die
Behandlung mit Wasserdampf entfernt.
Was geschieht bei der Raffination von pflanzlichen Ölen und Fetten
mit den positiven Inhaltsstoffen?
Billek: Will man schadstoffarme oder von Schadstoffen völlig
befreite Produkte herstellen, muß man in Kauf nehmen, auch einiges an gewünschten
Inhaltsstoffen einzubüßen. Wenn beispielsweise Lecithin verloren geht, gibt es dafür in
unserer Nahrung genug andere Quellen. Die 10 bis 20% Vitamin E, die im Zuge der
Raffination normalerweise verloren gehen, werden am Schluß problemlos wieder zugesetzt.
Das Antioxidans Vitamin E ist ja nicht nur aus ernährungsphysiologischen Gründen eine
positive Substanz, sondern es schützt Fette und Öle vor oxidativem Verderb, also vor zu
schnellem Ranzigwerden.
Redaktion der Stichwortsammlung "Bei Experten nachgefragt":
Maria Hacks, Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel GmbH, Hamburg
WEITERFÜHRENDE LITERATUR:
- Stichwortserie: Nahrungsfette und -öle, Hrsg.: Margarine-Institut für
gesunde Ernährung, 1996.
- Seher, A.: "Auswirkung verschiedener Gewinnungs- und
Behandlungsverfahren auf die ernährungsphysiologischen Eigenschaften von
Speiseölen", Ernährung/Nutrition 11, 12, 813-822, 1987.
- Die Dämpfung von Speisefetten und -ölen zur Desodorierung und Entsäuerung,
Gemeinschaftsarbeit der Deutschen Gesellschaft für Fettwissenschaft e.V. (DGF),
Fat Sci. Technol. 94, 367-369, 1992.
- Ölpflanzen, Pflanzenöle, Margarine, Hrsg.: Margarine-Institut für
gesunde Ernährung, 1987.
- Rohwedder, D., Hacks, M.: Chemie und Physik in Küche und Ernährung,
Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel, 1993.
- Fett in der Ernährung, Hrsg.: Lehrmittelverlag Wilhelm
Hagemann und Margarine-Institut für gesunde Ernährung, 5. Auflage, 1991.
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