BEI EXPERTEN NACHGEFRAGT
Der einsame Kampf der DGE - mit viel
Geduld gegen die Gewohnheit
UNSER EXPERTE: Prof. Dr. Iwer Diedrichsen, Institut für Sozialwissenschaften des
Agrarbereichs der Universität Hohenheim, Fachgebiet Ernährungspsychologie, Mitglied der
Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE).
Welche Ziele hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung?
Diedrichsen: Ihr oberstes Ziel ist, die Bevölkerung zu einer
richtigen und vollwertigen Ernährung anzuleiten, um die Gesundheit und
Leistungsfähigkeit der Bürger zu erhalten oder wiederherzustellen.
Wie versucht die DGE ihre Ziele im Detail zu verwirklichen?
Diedrichsen: Sie kümmert sich um alle auf dem Gebiet der
Ernährung auftretenden Probleme, versucht Streitfragen zu klären und fördert die
Ernährungswissenschaft durch Herausgabe der "Ernährungs-Umschau" und anderer
ernährungswissenschaftlicher Schriften und Aufklärungsbroschüren. Sie sammelt die
ernährungswissenschaftlichen Forschungsergebnisse aller einschlägigen Disziplinen,
wertet sie aus und nutzt sie zu Informationszwecken. Außerdem veranstaltet die DGE
wissenschaftliche Kongresse und Fachtagungen, regt zu wissenschaftlichen Untersuchungen an
und verbreitet Ernährungswissen mit Hilfe eines eigenen Ernährungsberatungsdienstes.
Wie vertritt die DGE die deutsche Ernährungswissenschaft?
Diedrichsen: Durch aktive Mitarbeit in den entsprechenden
internationalen Organisationen, und sie pflegt die Zusammenarbeit mit den
ernährungswissenschaftlichen Gesellschaften anderer Länder.
Welche Aufgaben erfüllt die DGE gegenüber dem Verbraucher?
Diedrichsen: Da die DGE dem Verbraucherinteresse in allen Fragen
einer richtigen, gesunden Ernährung dient, betreibt sie Gesundheitsvorsorge, Therapie und
Rehabilitation und führt wissenschaftlich fundierte Aufklärung, Beratung und Erziehung
durch.
Wie wird die DGE ihrer Aufklärungs- und Beratungsaufgabe gerecht?
Diedrichsen: Die von der DGE herausgegebenen Empfehlungen sind
wissenschaftlich abgesichert. Ferner ist die DGE bemüht, die vielseitigen Bestrebungen
einzelner Gruppen, Organisationen und Institutionen in Bezug auf Ernährungsberatung und
-aufklärung zusammenzuführen. Die DGE betreibt Ernährungsberatung und -erziehung mit
eigens dafür ausgebildeten Fachkräften.
Warum setzen Verbraucher Ernährungsempfehlungen so schwer in
gesundheitsbewußtes Ernährungsverhalten um?
Diedrichsen: Dafür gibt es meiner Meinung nach sechs wichtige
Gründe: Irrationalität, Essen und Trinken im Gegensatz zu Ernährung, Glaubwürdigkeit,
lernpsychologische Einflüsse, die Art, wie Ernährungsverhalten beeinflußt wird und wie
Einstellungen in konkretes Verhalten umgesetzt werden.
Um welche irrationalen Gründe geht es?
Diedrichsen: Menschen halten sich aus ganz unterschiedlichen
psychologischen Motiven - oft wider besseres Wissen - nicht an Ratschläge von
Gesundheits- und Ernährungsberatern. Ihr Verhalten entspringt also nicht nur rationaler
Einsicht, sondern auch psychosozialen Bedürfnissen, die dem einzelnen nicht immer bewußt
sind. Verhält man sich im Rahmen der Ernährung irrational, handelt man uneinsichtig und
verstößt gegen ureigene Gesundheitsinteressen.
Sind Essen und Trinken einerseits und Ernährung andererseits nicht
dasselbe?
Diedrichsen: In unserer Überflußgesellschaft sind psychologische
Faktoren wie Appetit und Genuß ganz wesentlich. Essen und Trinken sind sinnliche
Vorgänge, die sich zwischen den Erlebnisqualitäten Ekel und Lust abspielen. Man
erschließt sich Essen und Trinken also emotional, zur Ernährung findet man aber z.B.
über Denkvorgänge.
Ist es nicht selbstverständlich, daß Ernährungsaufklärung
glaubwürdig sein muß?
Diedrichsen: Ja, denn wenn eine Institution wie die DGE das
Ernährungsverhalten der Bürger ändern will, muß sie wirklich glaubwürdige
Informationen liefern, d.h. über Sachkompetenz, Aufrichtigkeit und Vertrauenswürdigkeit
verfügen. Hört man drei Experten zu einem Sachverhalt, hört man meist drei Meinungen -
die DGE aber muß mit einer Stimme sprechen. Geht es z.B. um den Grad der Schädlichkeit
von zu hohen Cholesterinwerten, muß die DGE zwischen den möglicherweise voneinander
abweichenden wissenschaftlichen Aussagen Konsens herstellen, um eine eindeutige Aussage
machen zu können.
Welche lernpsychologischen Einflüsse bestimmen das
Ernährungsverhalten?
Diedrichsen: Nach den Gesetzen der Lernpsychologie wird nur das
Ernährungsverhalten erworben und zur festen Gewohnheit, dessen Folgen kurzfristig
eintreten und als angenehm erlebt werden. Dazu im Gegensatz machen sich die negativen
Konsequenzen einer ungesunden oder falschen Ernährung leider erst sehr viel später
bemerkbar.
Wie läßt sich das Ernährungsverhalten konkret beeinflussen?
Diedrichsen: Auf mehreren Ebenen, und zwar kognitiv über
Informations- und Wissensvermittlung, emotional durch Selbsterfahrung und
emotionale Betroffenheit und natürlich auch aktional, indem Verhaltensänderungen
durch schrittweises Handeln herbeigeführt werden. Letzteres schließt Verhaltenstraining
und eine handlungsorientierte Ernährungsberatung ein.
Wodurch läßt sich das Ernährungsverhalten am ehesten umstellen?
Diedrichsen: Als erstes geht es um eine bestimmte Verhaltensabsicht,
die spezifisch sein sollte - "Ich will weniger Fett und mehr Gemüse essen, um
5 kg abzunehmen." Einen direkten Verhaltensbezug hat die direkte Erfahrung -
der Zeiger der Waage sagt, was Sache ist -, aber auch die mit einer hohen Ich-Beteiligung
verbundene Einstellung - "Wenn ich bewußter esse, werde ich schlanker." Die
Umsetzung von bestimmten Einstellungen in konkretes Ernährungsverhalten gelingt auch,
wenn die Einstellung auf einer ausgeprägten Wertorientierung beruht und man z.B.
aus religiösen Gründen kein Schweinefleisch essen will.
Wie schreitet man nun zur Tat?
Diedrichsen: Dazu muß man sich klarmachen, daß
Verhaltensänderung immer im Fluß ist. Der Hauptirrtum von Ernährungsberatern,
Psychotherapeuten und Ärzten besteht darin, Verhaltensänderungen müßten sofort
greifen. Übersehen wird dabei, daß es sich um keinen linearen, sondern einen zirkulären
Prozeß handelt. Man durchläuft im Zuge von Verhaltensänderungen mehrere Phasen, hat
Rückfälle und kann wieder neu beginnen. Wir nennen diesen Kreislauf Drehtür-Modell (s.
Abb. auf der Rückseite) und denken, daß man mit ihm vor Augen bei der
Ernährungsberatung und -erziehung auf der realistischeren Seite bleibt und nicht zu viel
erwartet, Rückschläge also einkalkuliert.
Welche Phasen durchläuft ein Übergewichtiger, der sein
Ernährungsverhalten verbessern will?
Diedrichsen: Zu Beginn steht die Phase der Überlegung - man
beschäftigt sich mit dem eigenen Problemverhalten, entwickelt Problembewußtsein und
denkt über mögliche Veränderungen nach. Es folgen die Phase der Entscheidung,
die den Charakter einer verbindlichen Verpflichtung sich selbst gegenüber hat, und die Phase
der Handlung, in der man sein als problematisch erkanntes Verhalten mit Hilfe eines
speziellen Änderungsprogrammes aktiv verändert, seine Zielvorstellungen in die Tat
umsetzt. Dann kommt die schwierige Phase der Aufrechterhaltung, in der man
alternatives, erwünschtes Ernährungsverhalten im Alltag anwendet und allmählich
stabilisiert. So weit, so gut, aber dann erlebt man möglicherweise doch die Phase des
Rückfalls. In aller Regel ist selbst unter besten Voraussetzungen mit Rückschlägen
zu rechnen, auch weil die Erfolge bei Übergewichtigen nicht schnell genug sichtbar
werden.
Wie berät man mit Erfolg?
Diedrichsen: Sehr wichtig ist die Handlungskompetenz des Klienten.
Er sollte die Fähigkeit besitzen, neu erworbenes Wissen in praktisches Handeln
umzusetzen, und mit neuen Ernährungssituationen flexibel umzugehen. Ernährungsberater
sollten positive Erfolgserwartungen wecken und Anreize für Änderungsprogramme schaffen.
Sie sollten den direkten Zusammenhang zwischen Ernährung und Gesundheit deutlich machen
können und ein plausibles Modell für individuelle Probleme anbieten. Erfolgreiche
Ernährungsberatung heißt auch, mit dem vereinbarten Ziel vor Augen Teil- und
Zwischenziele anzubieten und auf mögliche Rückfälle hinzuweisen, die man gemeinsam
durch einen sog. Notfallplan wieder aufarbeiten kann. Letztlich sollte auch für soziale
Unterstützung gesorgt werden, wenn dies notwendig ist.
Redaktion der Stichwortsammlung "Bei Experten nachgefragt":
Maria Hacks, Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel GmbH, Hamburg
WEITERFÜHRENDE LITERATUR:
- Stichwortserie: Nahrungsfette und -öle, Hrsg.: Margarine-Institut für
gesunde Ernährung, 1996.
- Stichwortserie: Fett und Ernährung, Hrsg.: Margarine-Institut für
gesunde Ernährung, 1995.
- Diedrichsen, I.: Möglichkeiten der Beeinflussung des
Ernährungsverhaltens, Ernährungs-Umschau, 43, 4, 1996.
- Diedrichsen, I.: Ernährungspsychologie, Springer-Verlag, 1990.
- Hacks, M., Rohwedder, D.: Therapie mit Messer und Gabel,
Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel, 1994.
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