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BEI EXPERTEN NACHGEFRAGT

Kein musikalisches Quartett: Das Metabolische Syndrom

UNSER EXPERTE: Prof. Dr. med. habil. Markolf Hanefeld, Direktor des Instituts und der Poliklinik für Klinische Stoffwechselforschung, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, Technische Universität Dresden.

 

Welche Krankheiten kennzeichnen das Vollbild eines Metabolischen Syndroms?

Hanefeld: Wir wissen heute, daß es sich dabei um ein ganzes Bündel von Zivilisationskrankheiten handelt. Noch gibt es zwar keine allgemein anerkannte Definition für dieses Syndrom, aber wir befinden uns international in gutem Konsens mit folgender Arbeitshypothese: Das Metabolische Syndrom tritt bei Überernährung und Bewegungsmangel auf dem Boden einer genetischen, also anlagebedingten, Disposition auf. Es ist gekennzeichnet durch das gemeinsame Vorkommen von Fettsucht, Fettstoffwechselstörungen, einem frühzeitigen Beginn eines Diabetes mellitus vom Typ II, Gicht und Bluthochdruck. Gleichzeitig besteht für einen Patienten mit Metabolischem Syndrom die erhöhte Wahrscheinlichkeit, an arteriosklerotischen Gefäßerkrankungen, Fettleber und Gallensteinleiden zu erkranken. Neben diesen stoffwechselbedingten Erkrankungen werden mit dem Metabolischen Syndrom inzwischen immer mehr Krankheiten in Zusammenhang gebracht, wie z.B. schon in jüngeren Jahren auftretende Herz-Kreislauferkrankungen, Osteoporose und Schlaf-Apnoe.

Was verbirgt sich hinter den Begriffen Wohlstandssyndrom, Syndrom X und Tödliches Quartett?

Hanefeld: All diese Begriffe sind Umschreibungen für das Metabolische Syndrom - sie wurden nur zu verschiedenen Zeiten und vor dem Hintergrund unterschiedlicher Fachdisziplinen geprägt. So nannte der Diabetologe H. Mehnert Ende der 60er Jahre das kombinierte Auftreten von Hochdruck, Diabetes mellitus vom Typ II, Übergewicht und Gicht Wohlstandssyndrom - vier Krankheiten also, die im Wohlstand erheblich häufiger auftreten als in Zeiten mit schlechter Ernährungssituation. Auf der Basis eines etwas weiter gefaßten Konzeptes mit Adipositas, Fettleber und Einschluß der Arteriosklerose als wichtigster klinischer Manifestation war ich 1968 der Meinung, diesem kombiniert auftretenden Bündel von Erkrankungen würde der Name Metabolisches Syndrom besser gerecht. 20 Jahre später prägte N. Kaplan für die Kombination von androider Fettsucht, Glukoseintoleranz, Hypertriglyzeridämie und Hochdruck den sehr suggestiven Begriff Tödliches Quartett, während G. Reaven zur gleichen Zeit vom Syndrom X sprach, und zwar unter der Annahme, daß die Insulinresistenz der zentrale pathogenetische Faktor für die Erkrankungen des Metabolischen Syndroms ist.

Gibt es Daten zur Häufigkeit?

Hanefeld: Hochrechnungen aus großen epidemiologischen Studien und umfangreichen klinischen Untersuchungen gehen davon aus, daß gut 20% der Erwachsenen in Industriestaaten mit Überernährung, Bewegungsmangel und sozialem Streß an einem Metabolischen Syndrom leiden. Die Häufigkeit nimmt naturgemäß erheblich zu, wenn man in die Statistik vor allem ältere Menschen einbezieht. In bis zu 80% der Fälle lassen sich eine oder mehrere der folgenden, miteinander assoziierten Störungen nachweisen: Fettleber, Gicht, Typ-II-Diabetes, Hochdruck, androide Fettsucht, Hypertriglyzeridämie und die frühzeitige Lädierung der Herzkranzgefäße und die daraus resultierenden Erkrankungen. Dieses gebündelte Auftreten verschiedener Erkrankungen ist im übrigen unabhängig davon, mit welcher Krankheit das Metabolische Syndrom beginnt. Die geographische Lage und Rasse haben über Lebensstil und genetische Disposition einen deutlichen Einfluß darauf, ob die Bewohner eines Landes dazu neigen, ein Metabolisches Syndrom zu entwickeln.

Welche Symptome sind typisch für Patienten mit Metabolischem Syndrom?

Hanefeld: Meist handelt es sich um Menschen mit untersetztem Körperbau, sog. Pykniker, im mittleren oder höheren Lebensalter, die rund um Bauch und Hüften reichlich Körperfett angesammelt haben. Diese Patienten haben in aller Regel Probleme mit der Verstoffwechselung von Kohlenhydraten (gestörte Kohlenhydrattoleranz), einen leicht erhöhten Blutdruck und die typische Lipidtrias mit mäßig erhöhtem Gesamtcholesterin, zu hohen Triglyzeridwerten und relativ niedrigen Werten des als schützend geltenden HDL-Cholesterins. Für viele ergibt die Diagnostik bereits Veränderungen an den Blutgefäßen und das gehäufte Auftreten von lipidreichen arteriosklerotischen Plaques - dann sind sie bereits zu den Hochrisikopatienten zu zählen.

Welche zum Metabolischen Syndrom zählende Erkrankung tritt am häufigsten als erste auf?

Hanefeld: Mit Ausnahme der starken Übergewichtigkeit tritt selten eine der anderen Krankheiten allein auf. Große Studien haben übereinstimmend ergeben, daß ein kombiniertes Auftreten von zwei oder mehreren zu diesem Syndrom gehörenden Erkrankungen die Regel ist. Bei jedem zweiten übergewichtigen Patienten mit Hochdruck oder Typ-II-Diabetes oder zu hohen Triglyzerid- und zu niedrigen HDL-Cholesterinwerten ist daher mit vielfältigen Assoziationen zu rechnen. Das heißt, daß ein übergewichtiger Hochdruckpatient wahrscheinlich bereits weitere Krankheiten, die zum Metabolischen Syndrom zählen, hat oder entwickeln wird. Das Risiko erhöht sich, wenn dieser Patient zusätzlich auch schon unter einem Typ-II-Diabetes leidet. Es kommt aber auch durchaus vor, daß es sich bei der ersten Erkrankung schon um eine nicht altersgerecht, sondern zu früh auftretende Arteriosklerose handelt, um eine koronare Herzerkrankung oder um eine die Gehirngefäße betreffende (zerebrovaskuläre) Störung.

Kann die Ernährung eine vorbeugende Rolle bei der Entwicklung des Metabolischen Syndroms spielen?

Hanefeld: Ganz gewiß, denn in dieser Beziehung spricht der Begriff Wohlstandssyndrom eine sehr deutliche Sprache. In Zeiten des Mangels sinkt die Zahl der Hochdruckkranken ebenso deutlich wie die der Typ-II-Diabetiker, und unter der Gicht leidet dann so gut wie niemand mehr. Obgleich die Anlage zu diesen Erkrankungen vorhanden sein muß, damit sie sich entwickeln können, ist das Übergewicht der zentrale Faktor für das Auftreten eines Metabolischen Syndroms.

Wie sollen sich Patienten ernähren, die prädestiniert sind, ein Metabolisches Syndrom zu entwickeln?

Hanefeld: Da es sich in aller Regel um übergewichtige Patienten handelt, geht es in erster Linie um eine generelle Gewichtsreduktion, und das heißt, den Fettverzehr ganz erheblich einzuschränken. Statt der bei uns üblichen 42%, sollte die Gesamtfettmenge auf 30 bis maximal 35% der gesamten Energiezufuhr beschränkt werden. Dies gelingt nur, wenn der Patient ein gutes Gespür für die sog. versteckten Fette entwickelt, die hochkarätig in Fleisch, Wurst und Käse enthalten sind...

... also Magerkost?

Hanefeld: Nein, niemand kann behaupten, daß sein Wohlbefinden leidet oder seine Leistungskraft schwindet, wenn er seinen Fettkonsum von 42 auf 30% reduziert.

Welche Rolle spielt die Fettqualität?

Hanefeld: Dabei geht es um den ebenfalls sehr wichtigen Aspekt der Fettmodifikation. Die in Deutschland übliche Ernährung ist noch weit von den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation entfernt, denn in dem von uns verzehrten Fett sind die gesättigten Fettsäuren nach wie vor Spitzenreiter mit einem Anteil von ca. 46% statt der gewünschten 33%. Die in der sog. Dreier-Regel empfohlene Drittelung der Fettsäuren in gesättigte, einfach ungesättigte und mehrfach ungesättigte basiert auf der Erkenntnis, daß der Cholesterinspiegel im Blut durch eine reduzierte Aufnahme von gesättigten Fettsäuren um zwei Drittel gesenkt werden kann und um ein Drittel durch den erhöhten Verzehr von mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Das heißt im Klartext: Selbst wenn der Cholesterinspiegel unverändert bleiben soll, müßte man zum Ausgleich für den Verzehr von 1 g gesättigter Fette 2 g mehrfach ungesättigte essen. Da dies praktisch kaum möglich ist, bleibt nur der Weg über die generelle Fettreduktion und eine verstärkte Bevorzugung von Nahrungsmitteln, die einen hohen Gehalt an mehrfach ungesättigten Fettsäuren haben - also Fisch, Geflügel, pflanzliche Öle sowie die aus ihnen hergestellten Produkte wie Margarine.

Wie motivieren Sie Ihre Patienten zu einem veränderten Eßverhalten?

Hanefeld: Als Gesprächseinstieg ist es immer sehr vorteilhaft, dem Patienten zu erklären, was gesunde Ernährung tatsächlich bedeutet. Hierbei sind die Broschüren der Deutschen Gesellschaft für Ernährung mit ihren anschaulichen Darstellungen sehr hilfreich. Eine sehr erfolgreiche Strategie ist ferner, die Patienten zum kontinuierlichen Buchführen über all das zu überreden, was sie den Tag über verzehren. Beim Führen von Ernährungsprotokollen lernen die meisten recht schnell, bewußter einzukaufen, zu essen und zu trinken.


Redaktion der Stichwortsammlung "Bei Experten nachgefragt":
Maria Hacks, Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel GmbH, Hamburg

 

WEITERFÜHRENDE LITERATUR:

  • Stichwortserie: Nahrungsfette und -öle, Hrsg.: Margarine-Institut für gesunde Ernährung, 1996.
  • Stichwortserie: Fett und Ernährung, Hrsg.: Margarine-Institut für gesunde Ernährung, 1995.
  • Das Metabolische Syndrom: Wurzeln, Mythen und Fakten, Hrsg.: Hanefeld, M., Leonhardt, W., Gustav Fischer Verlag Jena, 15-26, 1996.
  • Hanefeld, M., Willms, B. : Diagnostik bei metabolischem Syndrom, Internist 37: 705-711, Springer Verlag, 1996.
  • Fett in der Ernährung, Hrsg.: Lehrmittelverlag Wilhelm Hagemann und Margarine-Institut für gesunde Ernährung, 5. Auflage, 1991.
  • Rohwedder, D., Hacks, M.: Fett in der Ernährung, Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel, 1991.
  • Hacks, M., Rohwedder, D.: Therapie mit Messer und Gabel, Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel, 1994.