BEI EXPERTEN NACHGEFRAGT
Der Fall trans-Fettsäuren - Amerika und Deutschland im Vergleich
UNSER EXPERTE: Prof. Dr. med. Siegfried Heyden,
Department Community & Family Medicine, Duke University Medical Center, Durham/USA.
Welche Nahrungsmittel enthalten trans-Fettsäuren?
Heyden: Die Fette aus Molkereiprodukten und Rindertalg enthalten
ca. 5% trans-Fettsäuren, wobei es zu jahreszeitlichen Schwankungen kommt. Neben den im
Pansen der Kuh gebildeten trans-Fettsäuren, die im Fett aller Wiederkäuer zu finden
sind, entstehen sie auch bei der industriellen Härtung pflanzlicher Öle . Abgesehen von
deutscher Diätmargarine, die frei von trans-Fettsäuren ist, enthalten viele
Margarinesorten diese hydrierten Fette und Öle aus Konsistenzgründen, wobei der
trans-Fettsäuregehalt schwankt, aber heute nicht mehr als 5% beträgt. Gänse- und
Schweineschmalz enthalten etwa 1% trans-Fettsäuren. Angesichts der deutschen
Ernährungsgewohnheiten gibt die durchschnittlich pro Tag verzehrte Menge von nur noch ca.
2 g trans-Fettsäuren jedoch keinen Anlaß zur Sorge, d.h. sie stellt kein Risiko dar.
Wirken trans-Fettsäuren, die im Pansen der Kuh gebildet werden,
anders als die bei der Ölhärtung entstehenden?
Heyden: Hierzu ein aktueller Kommentar des führenden
Ernährungsphysiologen Australiens, Paul Nestel: "Besonders interessant ist,
daß man in mehreren Fall-Kontrollstudien, in denen Gewebekonzentrationen als Index für
den trans-Fettsäuregehalt dienten, eine ursächliche Verbindung zur koronaren
Herzerkrankung nur unter dem Einfluß von C 16:1*) trans-Fettsäuren fand, die aus Fetten tierischer Herkunft stammten und nicht
aus hydrierten pflanzlichen Ölen."
*) Fettsäure mit 16 C-Atomen und 1 Doppelbindung.
Gelten also nur die trans-Fettsäuren, die im tierischen Organismus
entstehen, als atherosklerotischer Risikofaktor?
Heyden: Meines Wissens nach ist das ein völlig neuer
Gesichtspunkt. Neben Nestel, einem ausgewiesenen Wissenschaftler, äußerten sich
jetzt auch weitere Ernährungsexperten in dieser Richtung. Obwohl der Beweis des
Zusammenhangs zwischen dem Verzehr gesättigter Fette und Öle mit der Bildung von
atherosklerotischen Plaques sehr überzeugend ist, kann von einer ähnlichen Assoziation
mit den trans-Fettsäuren nicht gesprochen werden. Es gibt praktisch keinen Hinweis
darauf, daß die Häufigkeit der Atherosklerose oder ihr Schweregrad davon abhängig ist,
ob nicht-gehärtete oder gehärtete Pflanzenöle und -fette verzehrt wurden. Der
atherogene Faktor der trans-Fettsäuren ist wahrscheinlich allein auf trans-Fettsäuren
tierischer Herkunft begrenzt.
Aber tierische Fette verzehrt der Mensch seit Jahrtausenden
problemlos...
Heyden: ...ja, es macht eben die Menge, ob etwas zur Gefahr wird.
Senken trans-Fettsäuren den HDL-Cholesterinspiegel im Blut?
Heyden: Für die immer wieder aufgestellte Behauptung, das
HDL-Cholesterin werde durch den Verzehr von trans-Fettsäuren gesenkt, gibt es keinen
Beweis. In einer amerikanischen Übersichtsarbeit von 1995 heißt es: "Die Wirkung
von trans-Fettsäuren auf HDL-Cholesterin-Konzentrationen und
Lipoprotein-(a)-Konzentrationen sind unklar; nur in einer begrenzten Anzahl von Studien
wurde dies ermittelt, aber deren Ergebnisse sind nicht überzeugend." Für einen
solchen Effekt wären jedenfalls größere Mengen erforderlich.
Gibt es ein Limit für die tägliche Aufnahme von trans-Fettsäuren?
Heyden: Vermutlich bei mehr als 10 g pro Tag. In Holland wurden
durchschnittlich pro Tag 10 g trans-Fettsäuren verzehrt, in Norwegen 7-10 g, im United
Kingdom 6 g, in Spanien 2,4 g und in Deutschland 3-4 g. In den USA kommen die Menschen aus
den untersten Sozialschichten auf 10 g am Tag, die Oberschicht aber nur auf 2 g.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, daß die Finnen täglich 6 g trans-Fettsäuren
verzehrt haben, bevor sich in ihrem Land entscheidende Ernährungsveränderungen
durchgesetzt hatten. Heute sind es nur noch 3 g trans-Fettsäuren am Tag.
Wie hoch schätzen Sie den Risikofaktor trans-Fettsäuren im
Vergleich zu all den anderen Risikofaktoren ein, die eine Atherosklerose-Entwicklung
begünstigen können?
Heyden: Wenn überhaupt, dann nur minimal. Mensink und Katan
haben hierzu sehr deutlich gesagt: "Es scheint keinen Hinweis darauf zu geben,
daß hohe Gewebekonzentrationen an trans-Fettsäuren mit einem ansteigenden Koronarrisiko
zusammenhängen." Wichtig ist unter dem Aspekt eines möglichen atherosklerotischen
Risikos nach Mensink und Katan auch, daß sich trans-Fettsäuren im
menschlichen Fettgewebe nicht ansammeln.
Wirken trans-Fettsäuren möglicherweise krebserregend?
Heyden: Ein derartiger Effekt wurde bisher nie festgestellt, und es
ist auch nicht zu erwarten, daß eine solche Wirkung nachgewiesen wird. Abgesehen von
einer leichten LDL-Cholesterin-Anhebung, die bei den deutschen Verzehrsgewohnheiten aber
nicht ins Gewicht fällt, sehe ich keine Gründe für eine Besorgnis vor
trans-Fettsäuren. Darüberhinaus ist in der Zeitschrift "Nutrition Reviews"
nachzulesen, daß all die Aufregungen, die Willet seinerzeit mit seiner
Dramatisierung der trans-Fettsäuren in die Diskussion brachte, auf Falschinformationen
über den Gehalt an trans-Fettsäuren in bestimmten Nahrungsmitteln beruhen: Salatsaucen
enthalten praktisch keine trans-Fettsäuren und bei einer Mahlzeit mit Mayonnaise werden
lediglich 0,4 g trans-Fettsäuren verzehrt und Weißbrot, ein Hauptnahrungsmittel in den
USA, ist frei von trans-Fettsäuren.
Werden in den USA vorzugsweise Margarinesorten verzehrt, die einen
relativ hohen Gehalt an trans-Fettsäuren haben?
Heyden: Die in den letzten Jahren am häufigsten verwendeten
Margarinesorten in den USA sind die neu entwickelte Sojaöl-Margarine "Promise"
und die seit Jahren beliebte Maiskeimöl-Margarine von Fleishman. Sie sind die
Margarine-Marktführer und werden von all den Menschen gekauft, die Wert auf eine
gesundheitsbewußte Ernährung legen. Der amerikanische Gesetzgeber verlangt für
Nahrungsmittel die Kennzeichnung der Inhaltsstoffe, und zwar in der Reihenfolge ihrer
Gewichtung. Bei Margarine muß der an erster Stelle genannte Inhaltsstoff zu mindestens
60% im Produkt enthalten sein. Bei "Promise" ist dies "liquid soya bean
oil" und bei der Fleishman-Margarine "liquid corn oil". Das heißt,
mindestens 60% der Margarine können gar keine trans-Fettsäuren enthalten, und wenn dann
an dritter oder vierter Stelle ein hydriertes Pflanzenöl genannt wird, so dient es der
Margarinehärtung, damit das Produkt nicht "wegfließt", sondern streichfähig
wird. Diese neu entwickelten amerikanischen Margarinesorten sind der Butter eindeutig
überlegen, weil sie nur ganz geringe Anteile an gesättigten Fettsäuren und
trans-Fettsäuren enthalten.
Sind die in Amerika so beliebten fast-food-Produkte reich an
trans-Fettsäuren?
Heyden: In diesem Bereich ist in Amerika sehr viel im Umbruch.
Fette Fleisch- und Wurstwaren, also auch Hamburger und Hot Dogs, sind unbestritten
prädestiniert, relativ viel trans-Fettsäuren zu enthalten. Aber: Beispielsweise betrug
der Fettgehalt eines Hot Dog früher 15% und heute nur noch 1%. Der Rest besteht aus
Eiweiß und Kohlenhydraten - das ist wirklich eine Leistung der Industrie. Bei einer so
massiven Reduktion des Fettgehaltes spielt der eventuell noch vorhandene Anteil an
trans-Fettsäuren keine Rolle mehr. Neben den seit Jahrzehnten etablierten fast-food-
Anbietern gibt es jetzt einen McLean, und da "lean" dünn heißt, signalisiert
der Name sehr fettarme Produkte. Der jüngeren Generation schmecken diese Hamburger
weniger, wohl aber denen, die gesundheitsbewußter leben. Sehr positiv ist auch die
Fettsäurenzusammensetzung der McLean-Produkte, die in etwa der Dreierregel entspricht.
Sind die US-amerikanischen Ernährungsgewohnheiten eher mit einem
Herz-Kreislauf-Risiko verbunden als die deutschen?
Heyden: Wie das McLean-Beispiel zeigt, ist es eher umgekehrt. Auch
ist im Gegensatz zu Deutschland in den USA beispielsweise Kaffeesahne "out", und
den hier zu beobachtenden Trend zu immer fetthaltigerer Milch gibt es in Amerika ebenfalls
nicht.
Warum sind dann so viele Amerikaner übergewichtig?
Heyden: Zum einen gilt heute in den USA das Rauchen als Stigma. 50%
von ursprünglich 90 Millionen Amerikanern rauchen nicht mehr und haben an Gewicht
zugenommen. Zum anderen spielt die Bildung eine große Rolle: In der sozialen Oberschicht
findet man kaum Übergewichtige, während in den sozialen Unterschichten alle
Zivilisationskrankheiten grassieren - vom Lungenkrebs über Diabetes, Hochdruck und Gicht
bis hin zum Herzinfarkt.
WEITERFÜHRENDE LITERATUR:
- Stichwortserie: Nahrungsfette und -öle, Hrsg.: Margarine-Institut für
gesunde Ernährung, 1996.
- Stichwortserie: Fett und Ernährung, Hrsg.: Margarine-Institut für
gesunde Ernährung, 1995.
- Trans Fatty Acids and Coronary Heart Disease Risk, Supl. to The American Journal
of Clinical Nutrition, Vol. 62, No. 3,9/1995.
- Heyden, S.: "Heutige Einschätzung der Transfettsäuren", Fortschritte
der Medizin, Jg. 112, Heft 19, Juli 1994.
- Mensink, R.P., Katan, M.B.: "Trans Monounsaturated Fatty Acids in
Nutrition and their Impact on Serum Lipoprotein Levels in Man", Prog. Lipid Res.,
Vol. 32, No. 1, pp. 111-122, 1993.
- Nestel, P.J.: "Comment on Trans Fatty Acids and Coronary Heart
Disease", Am. J. Clin. Nutr., No. 62, pp. 522-523, 1995.
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