BEI EXPERTEN NACHGEFRAGT
PUFA contra MUFA - nur leere Worte?
UNSER EXPERTE: Prof. Dr. med. Siegfried Heyden,
Department Community & Family Medicine, Duke University Medical Center, Durham/USA.
PUFA contra MUFA - welche Kostform bringt mehr?
Heyden: Diese Frage muß offen bleiben, zumal sie auch von Experten
teilweise kontrovers diskutiert wird. Ganz wichtig ist aber, daß gesättigte Fette die
Bildung von Cholesterinestern in der Leber begünstigen. Dadurch erhöht sich die
Konzentration des LDL-Cholesterins im Blut, was zu einem Aktivitätsverlust der
LDL-Rezeptoren führt und langfristig die Entwicklung einer Atherosklerose begünstigt.
Durch eine hohe Zufuhr mehrfach ungesättigter Fettsäuren (PUFA = poly unsaturated
fatty acids) werden dagegen bestimmte Fett-Eiweiß-Partikel (apo-B- und
cholesterinhaltige Lipoproteine), die atherosklerosefördernd wirken, nur in geringerer
Menge produziert. Wie stark der Cholesterinspiegel auf den Verzehr von Fett reagiert,
hängt in erster Linie von den Fettsäuren ab, die im jeweiligen Nahrungsfett überwiegend
enthalten sind. Gesättigte Fettsäuren (SAFA = saturated fatty acids)
mit einer Kettenlänge von 12 bis 16 Kohlenstoffatomen, wie Laurin-, Myristin- und
Palmitinsäure, erhöhen das Cholesterin besonders stark. PUFA und MUFA (= mono
unsaturated fatty acids = einfach ungesättigte Fettsäuren), deren
Fettsäureketten aus 18 und mehr Kohlenstoffatomen bestehen, bewirken dagegen eine
Absenkung des LDL-Cholesterins im Blut. Die American Heart Association (AHA) empfiehlt
eine PUFA-Aufnahme von 10% der Gesamtkalorien. Die WHO (World Health Organization) hält
4-10% für ausreichend, es sei denn, man verzehrt sehr viel gesättigte Fette.
Kommen die essentiellen mehrfach ungesättigten Fettsäuren hier nicht
zu kurz?
Heyden: Neben der Fettreduktion ist die Relation der drei
Fettsäurearten zueinander entscheidend, der die amerikanischen Empfehlungen für Menschen
mit erhöhten Cholesterinspiegeln Rechnung tragen. Im 1. Schritt, der sog. Step I-Diät,
kann das LDL-Cholesterin um 7-9% gesenkt werden. Dabei gilt es, die Drittel-Regel zu
beachten und das Nahrungsfett auf je 1/3 gesättigte, 1/3 einfach ungesättigte und 1/3
mehrfach ungesättigte Fettsäuren aufzuteilen. Leider ist der Anteil der gesättigten
Fettsäuren meist höher. Zusätzlich sind nicht mehr als 250 mg Nahrungscholesterin am
Tag erlaubt.
Was bewirkt die Step II-Diät?
Heyden: Unter dieser sehr fettarmen Kost läßt sich das
LDL-Cholesterin um 10-20% senken. Der Fettgehalt der Nahrung beträgt dabei insgesamt nur
25%, wobei der SAFA-Anteil nicht mehr als 6-7% beträgt und PUFA und MUFA sich je zur
Hälfte auf die verbleibenden 18-19% verteilen. Gleichzeitig wird das Nahrungscholesterin
auf 200 mg pro Tag limitiert, aber das A und O der Step II-Diät ist die drastisch
reduzierte Aufnahme gesättigter Fette.
Wie reagiert der Cholesterinspiegel auf den Verzehr bestimmter
PUFA-Mengen?
Heyden: Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich einzelne Menschen
darauf reagieren. Gerade beim Cholesterin gibt es immer wieder sog. Super-Responder, die
hervorragend auf eine cholesterinsenkende Diät ansprechen, und sog. Non-Responder, bei
denen sich erst etwas tut, wenn sie sich nach den Step II-Regeln ernähren, was allerdings
nur sehr wenige Patienten praktizieren.
Kann eine hohe PUFA-Aufnahme auch das HDL-Cholesterin senken?
Heyden: Unter einer Ernährung, wie sie von der DGE empfohlen wird,
sinkt das HDL-Cholesterin durch mehrfach ungesättigte Fettsäuren nicht ab. Alles andere
sind widerlegbare Gerüchte.
Und wo liegt das kritische PUFA-Limit?
Heyden: Zahlreiche Veröffentlichungen belegen, daß sich der
HDL-Cholesterinwert nicht verändert, wenn die verzehrte PUFA-Menge bei 13-15% der
gesamten Kalorienaufnahme liegt. Erst wenn dieser Prozentsatz auf 30-40 erhöht wird,
sinkt die HDL-Konzentration leicht ab. Derartig PUFA-reich sind aber nur ganz spezielle
Formeldiäten, die unphysiologisch hohe Mengen an flüssigem Öl enthalten. Die Ergebnisse
von Studien, die man auf der Basis solcher Kostformen durchgeführt hat, dürfen
keinesfalls als Grundlage allgemein gültiger Ernährungsempfehlungen dienen. Die
experimentell erzeugte geringe HDL-Senkung spielt aber bei der nachweisbaren Reduktion des
LDL-Cholesterins überhaupt keine Rolle. Neue Untersuchungen zeigen im übrigen, daß der
Austausch von SAFA durch Ölsäure das LDL-Cholesterin um ein Drittel weniger senkt als
ein Austausch der gesättigten Fette durch Omega-6-Fettsäuren.
Welche Argumente sprechen für eine MUFA-reiche, also mediterrane Kost?
Heyden: Den Vorteil dieser Ernährung sehe ich weniger in dem
relativ hohen MUFA-Gehalt, sondern vielmehr 1. in der gleichzeitig verstärkten
Aufnahme pflanzlicher Nahrung mit einem hohen Gehalt an Ballaststoffen. Man weiß heute,
daß Pflanzen Terpene und andere chemische Verbindungen enthalten, die das HDL-Cholesterin
leicht erhöhen. Insofern ist der vermehrte Verzehr von Obst und Gemüse das wirklich
Günstige an der Mittelmeerkost und nicht so sehr das Olivenöl. 2. ist die
Mittelmeerkost mit einem Fettanteil von 35% der Nahrungsenergie fettärmer als die
deutsche und enthält auch nur 7% gesättigte Fette. 3. In Italien sind drei bis
vier Fischmahlzeiten pro Woche normal, wodurch sich der SAFA-Anteil in der Nahrung
gegenüber dem in Deutschland üblichen hohen Fleisch- und Wurstkonsum erheblich reduziert
für ein Mehr an Omega-3-Fettsäuren. In diesem Zusammenhang muß betont werden, daß die
cholesterinsteigernde Wirkung der SAFA doppelt so stark ist wie die cholesterinsenkende
Wirkung der PUFA.
Welche Argumente sprechen für die Dreierregel?
Heyden: Die Dreierregel ist trotz ihrer Einfachheit eine
phantastische Regel, um den Menschen beizubringen, wie man das Nahrungsfett am
günstigsten aufteilen sollte. Leider sind wir in Deutschland von ihrer Umsetzung in die
Tat noch weit entfernt. So lag in den neuen Bundesländern der SAFA-Anteil noch 1992 nicht
bei 10, sondern bei 19%. Für die Dreierregel spricht die bewiesene, effiziente
Cholesterinsenkung durch eine PUFA-reiche Kost mit pflanzlichen Ölen, die reich an
Omega-6-Fettsäuren sind. In den vergangenen 40 Jahren wurden zahlreiche derartige
Diätexperimente im Rahmen von primären und sekundären Interventionsstudien zur
Prävention des Herzinfarktes bzw. zur Vorbeugung eines Re-Infarktes mit Erfolg
durchgeführt. Ähnlich eindrucksvolle wissenschaftliche Beweise für eine erfolgreiche
Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen existieren für eine Diät mit hohem
MUFA-Anteil nicht. Die Dreierregel genügt aber nicht bei Patienten mit schwerer
Hypercholesterinämie und bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Diese Patienten sollten
sich nach der amerikanischen Step II-Diät sehr fettarm ernähren und vor allem den
Verzehr gesättigter Fette auf weniger als 7% drastisch einschränken.
Liegt die vegetarische Ernährung im angestrebten Trend, SAFA-ärmer zu
essen?
Heyden: Das belegen die durchschnittlichen Cholesterinspiegel von
Vegetariern mit weniger als 160 mg/dl sehr eindrucksvoll. Geht man davon aus, daß sich
unter diesen Voraussetzungen keine Plaques bilden können, weil sich an der Arterienwand
kein Cholesterin ablagert, ist dies das Hauptargument für die vegetarische Kost. Die
Cholesterinwerte vonVegetariern sind so niedrig, weil sie nicht nur SAFA-arm essen,
sondern auch generell kohlenhydratreicher und daher relativ viel Ballaststoffe aufnehmen.
Streng vegetarisch ernährte Kinder haben übrigens ein Gesamtcholesterin von nur 125
mg/dl.
Welchen Stellenwert hat in dem bekannten Risikobündel für die
Atherosklerose eine fettreduzierte und fettmodifizierte Ernährung?
Heyden: In Deutschland beträgt der Durchschnitts-Cholesteringehalt
immer noch 220 mg/dl, während er in den USA heute bei etwa 200 mg/dl liegt. Ein
Mindestmaß an erhöhten Cholesterinwerten ist jedoch "die" Grundvoraussetzung
dafür, daß andere Risikofaktoren einen negativen Effekt auf das Koronargefäßsystem
ausüben können. Verschiedene Faktoren fördern das Wachstum atherosklerotischer Plaques,
aber nur, wenn auch die Cholesterinwerte erhöht sind. Diese Meinung vertrete ich seit 30
Jahren, die jetzt in deutschen und amerikanischen Publikationen bestätigt wurde. Als
Beleg hierfür ein Blick auf Japaner, die ihr Leben lang fettarm ( < als 25% der
Nahrungsenergie) gegessen haben, aber mit einem relativ hohen PUFA-Gehalt und bei einer
gleichzeitig kohlenhydratreichen Kost. Diese Menschen erleiden trotz Hypertonie oder
Diabetes oder Zigarettenrauchen selten einen Herzinfarkt, wohl aber Apoplexie und
Lungenkrebs. Für die jüngeren Japaner, die sich am westlichen Ernährungsverhalten
orientieren, gilt dies allerdings nicht. Sie essen fettreicher als die ältere Generation,
nehmen mehr gesättigte Fette auf und ihre Nahrung enthält weniger Ballaststoffe.
Redaktion der Stichwortsammlung "Bei Experten nachgefragt":
Maria Hacks, Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel GmbH, Hamburg
WEITERFÜHRENDE LITERATUR:
- Heyden, S., Wiesemann, A.: Mehrfach ungesättigte und einfach
ungesättigte Fettsäuren aus medizinischer Sicht, Ernährung, 20, 6, Wien,
1996.
- Stichwortserie: Fett und Ernährung, Hrsg.: Margarine-Institut für gesunde
Ernährung, 1995.
- Stone, N.J., et al.: "Summary of the Scientific Conference on the Efficacy of
Hypocholesterolemic Dietary Interventions", Circulation, 94:3388-3391, 1996.
- Dreon, D. M., et al.: "The Effects of Polyunsaturated Fat vs Monounsaturated Fat
on Plasma Lipoproteins", JAMA, Vol 263, No. 18, May 9, 1990.
- Zöllner, N., Tató, F.: "Die Fettsäuren in der Ernährung und ihre Bedeutung
für die Serumlipide und Atherosklerose", Beilage in Der Internist, Band 34, Heft
4, Springer Verlag, 1993.
- Wolfram, G.: "Diätetik bei Stoffwechselkrankheiten 1996",
Aktuelle Ernährungsmedizin, 21, S. 277-283, Georg Thieme Verlag, 1996.
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