BEI EXPERTEN NACHGEFRAGT
Krebskrank von zu fettem Essen? - Alarmsignale von
Magen und Darm?
UNSER EXPERTE: Prof. Dr. med.
Heinrich Kasper, Internist und Gastroenterologe, Medizinische
Universitätskliniken Würzburg, und Präsidiumsmitglied der Deutschen Gesellschaft für
Ernährung (DGE).
Gibt es wirklich eindeutige Beweise dafür, daß einige
Krebserkrankungen auf falsche Ernährungs- und Lebensgewohnheiten zurückzuführen sind?
Kasper: Bei einer ganzen Reihe von Krebserkrankungen wird ein
ursächlicher Zusammenhang zwischen hohem Fettverzehr und Krankheitsentstehung diskutiert.
Definitiv beweisen lassen sich diese, wenn auch zum Teil offensichtlichen Zusammenhänge
nicht. Man kann gerade bei solchen Fragestellungen schon aus ethischen Gründen keine
Versuche mit Menschen durchführen. Praktisch hundertprozentig ist jedoch bewiesen, daß
Dickdarmkrebs auf der Basis einer sehr fettreichen Ernährung entsteht. Zu den vielen
anderen Krebsarten, die mit einer zu fetthaltigen Ernährung in Zusammenhang gebracht
werden, zählt vor allem auch das Mammakarzinom, der Brustkrebs der Frau. Aus
tierexperimentellen Studien liegen hierzu Pro- und Contra-Ergebnisse vor. Einige
Metaanalysen, bei denen man viele Befunde aus Einzelstudien kombiniert und gemeinsam noch
einmal ausgewertet hat, sprechen dafür, daß der ursprünglich diskutierte ursächliche
Zusammenhang zwischen Ernährung und Krankheitsentstehung doch nicht besteht. Insofern
gibt es eine Reihe von Argumenten, die für eine Kausalitätsbeziehung zwischen Brustkrebs
und falscher Ernährung sprechen, aber auch Gegenstimmen sind zu hören. Zur Zeit geht der
Trend beim Mammakarzinom sogar eher in die Richtung, der Ernährung keine Schuld
zuzuweisen.
Gibt es noch andere Krebsarten, die sich möglicherweise auf der
Basis einer zu fetthaltigen Ernährung entwickeln?
Kasper: In den westlichen Industrieländern nimmt die Häufigkeit
eines Tumors des Verdauungstraktes in erschreckendem Maße zu: das Pankreaskarzinom, also
der Bauchspeicheldrüsenkrebs. Diese Tendenz wurde zuerst in den USA festgestellt, jetzt
allerings auch in den europäischen Ländern. Niemand weiß, warum immer mehr Menschen an
dieser Tumorart erkranken, aber es sieht so aus, als ob moderne Lebenseinflüsse dafür
verantwortlich sind. Einige Fachleute klagen den zu hohen Alkoholkonsum der westlichen
Bevölkerungen als Verursacher an, andere die Kombination von Rauchen und Alkohol. Eine
weitere Gruppe von Spezialisten hält den zu hohen Fettverzehr für den entscheidenden
Risikofaktor und sehen Alkohol und Rauchen nur als zusätzliche Faktoren an, die den
gesamten Prozeß der Tumorentstehung beschleunigen können. Tierversuche sprechen für
einen möglichen Einfluß einer zu fettreichen Kost, aber wirklich schlüssige Befunde
stehen noch aus.
Ist für den Dickdarmkrebs allein der zu hohe Fettverzehr
verantwortlich?
Kasper: Nein, aber das Fett ist gleichzeitig neben vielen anderen
Nahrungsfaktoren mitschuldig.
Nahrungsfette werden im Dünndarm aufgespalten und gelangen gar
nicht in den Dickdarm - wie können sie diese Tumorart überhaupt provozieren?
Kasper: Diese Frage ist berechtigt, aber obgleich das Fett nicht in
den Dickdarm kommt, begünstigt es dennoch die Tumorentwicklung. Das hat zwei Gründe.
Faktor Nr. 1: Gelangt Nahrungsfett in den Dünndarm, regt dies die Leber zur
Galleproduktion an. Da Gallensäuren letztlich über den Dickdarm ausgeschieden werden,
erhöht sich dort die Gallensäurekonzentration, wenn man sehr fettreich ißt. Der
Dickdarm ist nun aber von Millionen von Bakterien verschiedenster Art besiedelt. Einige
von ihnen können die ursprünglich in der Leber gebildeten Gallensäuren - man nennt sie
deshalb auch primäre Gallensäuren - in sog. sekundäre Gallensäuren
umwandeln. Eine dieser sekundären Gallensäuren ist die Desoxycholsäure, der in einer
Vielzahl von Untersuchungen bescheinigt wurde, daß sie kokarzinogen wirkt. Das bedeutet,
die Desoxycholsäure unterstützt andere Mechanismen, die eine Krebsentstehung
begünstigen.
Welcher zweite Faktor ist für den Dickdarmkrebs mitverantwortlich?
Kasper: Dabei geht es um die zu geringe Aufnahme von Ballaststoffen.
Wer viel Fett ißt, nimmt zwangsläufig weniger Ballaststoffe zu sich, denn mehr als
sattessen kann man sich nicht. Alle Ernährungserhebungen zeigen denn auch: Der Liebhaber
fetter Speisen ißt in aller Regel wenig Obst, Gemüse und wenig Vollkornbrot. Ißt er
Brot, greift er lieber zum Weißbrot. Somit kommt zu dem hohen Fettverzehr eine niedrige
Ballaststoffaufnahme und damit das Problem "Dickdarmkrebs und Ballaststoffe".
Beide Probleme - zu viel Fett und zu wenig Ballaststoffe - sind direkt miteinander
verzahnt und sind beide im Dickdarm angesiedelt. Darmbakterien leben von den
Nahrungsbestandteilen, die im Dünndarm nicht ausgewertet werden. Das sind vor allem die
Ballaststoffe. Erreichen den Dickdarm aber nur sehr wenig Ballaststoffe, verändern sich
die Lebensbedingungen der Darmbakterien und damit die bakterielle Zusammensetzung der
Darmflora.
Gibt es dafür Beweise?
Kasper: Es läßt sich genau analysieren, welche Bakterien unter
einer ballaststoffarmen Kost schlechtere und welche bessere Lebensbedingungen im Darm
vorfinden, in dem unter den Bakterien ein starker Konkurrenzkampf herrscht. Insofern weiß
man, daß Fleisch- und Fettesser eine ganz andere Darmflora haben als z.B. Vegetarier. Bei
den Liebhabern von fettreichem Essen überwiegen just die Keimgruppen, die intensiv dazu
befähigt sind, primäre Gallensäuren in sekundäre umzuwandeln. Ärgerlicherweise
addieren sich in dieser Situation zwei negative Faktoren: Man ißt viel Fett und hat
dadurch eine Menge primärer Gallensäuren im Dickdarm. Gleichzeitig vernachlässigt man
den Verzehr von Ballaststoffen und begünstigt auf diese Weise die starke Vermehrung
gerade der Bakterien, die primäre Gallensäuren in das Kokarzinogen Desoxycholsäure
umwandeln können.
Werden im Magen-Darm-Trakt noch andere Organe auf diese Art von zu
fettem Essen belastet?
Kasper: Das ist nicht der Fall, denn der gesamte Prozeß läuft im
Dickdarm nur wegen der dort ansässigen Darmflora so negativ ab.
Fehlen dem Fettliebhaber nicht auch Antioxidantien?
Kasper: Ganz gewiß, denn wer viel Fett, Fleisch, Wurst und fetten
Käse ißt, verzehrt automatisch weniger pflanzliche Lebensmittel. Er bekommt nicht nur
wenig Ballaststoffe, sondern auch wenig Vitamine. Für den komplexen Vorgang der
Tumorentstehung spielt aber der Vitaminstatus des Körpers eine sehr wichtige Rolle.
Vitamin C, Vitamin E und die Carotinoide, die antioxidativ wirkenden Vitamine, bezieht der
Organismus in erster Linie aus pflanzlichen Lebensmitteln. Wer sich also an fettreichen
Lebensmitteln tierischer Herkunft satt ißt, muß zwangsläufig in ein Defizit an
Antioxidantien geraten. Man muß gar keine negative Einstellung zu Vitaminen haben, aber
bei sehr hohem Fettkonsum verzehrt man einfach sehr wenig pflanzliche Nahrung.
Wie reagiert die Darmflora auf eine vegetarische Kost?
Kasper: Die gefällt ihr gut. Vegetarier haben denn auch eine
völlig anders zusammengesetzte Darmflora - z.B. ist die Konzentration an Desoxycholsäure
viel niedriger als bei einem Fett- und Fleischesser. Epidemiologische Studien belegen in
diesem Zusammenhang, daß in Bevölkerungen, die sehr fettarm essen, fast nie
Dickdarmkrebs auftritt. Ändert ein Mensch aber seine Ernährungsgewohnheiten und stellt
seine Kost von vegetarisch auf fettreich um, erhöht sich dadurch automatisch sein Risiko,
an einem Dickdarmkrebs zu erkranken. Auch wenn man den ursächlichen Zusammenhang zwischen
Ernährung und Dickdarmkrebs nicht definitiv beweisen kann, so sprechen doch sehr viele
schlüssige Befunde dafür.
Gibt es Alarmsignale, die frühzeitig vor einem Dickdarmkrebs
warnen?
Kasper: Nein, leider nicht. In aller Regel deutet Blut im Stuhl als
erstes Symptom auf ein Krebsgeschehen im Darm hin.
Wie macht sich ein Pankreaskarzinom bemerkbar?
Kasper: Die dadurch bedingten Verdauungsstörungen werden relativ
früh bemerkt, aber die Prognose ist trotzdem sehr schlecht.
Empfiehlt sich als Prophylaxe eine Ernährung nach den Regeln der
DGE?
Kasper: Befolgt man diese Empfehlungen, läßt sich das Risiko, an
einem Dickdarmkrebs zu erkranken, erheblich reduzieren. Selbst wenn ein an Dickdarmkrebs
operierter Patient sich anschließend konsequent ballaststoffreich ernährt und seinen
täglichen Fettkonsum auf maximal 60 g reduziert, hat er nur noch ein sehr geringes
Risiko, erneut einen Dickdarmtumor zu entwickeln. Untersuchungen zur Krebsfrüherkennung
sollten als Prophylaxe trotzdem genutzt werden.
Redaktion der Stichwortsammlung "Bei Experten
nachgefragt":
Maria Hacks, Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel GmbH, Hamburg
WEITERFÜHRENDE LITERATUR:
- Stichwortserie: Nahrungsfette und -öle, Hrsg.: Margarine-Institut für
gesunde Ernährung, 1996.
- Stichwortserie: Fett und Ernährung, Hrsg.: Margarine-Institut für
gesunde Ernährung, 1995.
- Hacks, M., Rohwedder, D.: Therapie mit Messer und Gabel,
Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel, 1994.
- Fett in der Ernährung, Hrsg.: Lehrmittelverlag Wilhelm
Hagemann und Margarine-Institut für gesunde Ernährung, 5. Auflage, 1991.
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