BEI EXPERTEN NACHGEFRAGT
Die langen Wege der Fettverdauung - komplexe
chemische Prozesse
UNSER EXPERTE: Prof.
Dr. med. Heinrich Kasper, Internist und Gastroenterologe, Medizinische
Universitätskliniken Würzburg, und Präsidiumsmitglied der Deutschen Gesellschaft für
Ernährung (DGE).
Welche chemischen und enzymatischen Prozesse sind notwendig, damit der
Mensch die aufgenommenen Nahrungsfette optimal nutzen kann?
Kasper: Im Verdauungstrakt müssen die Fette einer sehr aufwendigen
Aufschlußarbeit unterzogen werden, bevor sie in die Lymphe bzw. in die Blutbahn
übertreten können. Diese Vorgänge spielen sich im Darmlumen ab und sind sehr viel
komplizierter und komplexer als dies bei den anderen Nährstoffen wie Kohlenhydraten,
Eiweiß und Vitaminen der Fall ist.
Welche Gründe sind dafür verantwortlich, daß die Fettverdauung ein
so komplizierter Prozeß ist?
Kasper: In erster Linie liegt es daran, daß Fett nicht
wasserlöslich ist und zum Transport durch die Darmwand in eine wasserlösliche Phase
überführt werden muß. Der zweite Grund ist, daß die jeweilige Kettenlänge einer
Fettsäure deren Transportweg vom Darm in den Organismus bestimmt: Die kurz- und
mittelkettigen Fettsäuren gehen den direkten Weg über die Pfortader, während die
längerkettigen Fettsäuren den Umweg über die Lymphe benutzen müssen. Für diese beiden
Transportwege sind zwei völlig verschiedene Voraussetzungen in der Darmwand zu erbringen.
Abgesehen von Fetten mit längerkettigen Fettsäuren werden alle anderen Nährstoffe
direkt über die Pfortader ins Blut geschleust. Die Tatsache, daß die Vorgänge der
Fettverdauung und -resorption so kompliziert sind, ist im übrigen auch ein Grund dafür,
warum Fett als erstes bei Erkrankungen mit einer gestörten Nährstoffausnutzung nicht
mehr optimal resorbiert wird. In Situationen, in denen z.B. die Funktion der
Bauchspeicheldrüse gestört ist oder eine Schädigung der Darmschleimhaut vorliegt, kann
der Organismus über Kohlenhydrate, Eiweiß, Vitamine usw. noch optimal verfügen,
während die Fettresorption unter Umständen schon so erheblich gestört ist, daß vom
verzehrten Nahrungsfett mehr als die Hälfte ungenutzt über den Stuhl ausgeschieden wird.
Es besteht also eine erhebliche Diskrepanz zwischen der Resorption von Fetten und der
anderer Nährstoffe.
Wird man von fettreicher Nahrung deshalb so gut und schnell satt, weil
die Fettverdauung so komplex ist?
Kasper: Nahrung mit einem hohen Fettanteil verweilt einfach
längere Zeit im Magen, wodurch man sich schnell satt fühlt. Der Magen ist kein
Verdauungsorgan im eigentlichen Sinn, sondern ein Reservoir, das den Speisebrei dosiert an
den Darm zur Verdauung abgibt. Weil der Darm aber so viel Mühe mit dem Fett hat, wird der
Magen ihm z.B. fettes Eisbein nur nach und nach in kleinen Portionen anbieten. Dadurch
entleert sich der Magen eben nur langsam. Wenn aber der Reservoir-Mechanismus des Magens
nicht gut oder gar nicht funktioniert, z.B. bei Patienten nach einer Magenoperation,
überfordern größere fettreiche Portionen den Dünndarm derart, daß er seine Aufgaben
nur noch teilweise erledigen kann. Durchfall ist dann meist die Folge.
Wie und wo beginnt die Fettverdauung?
Kasper: Im Gegensatz zur Verdauung von Kohlenhydraten und
Eiweißverbindungen beginnt die Fettverdauung erst im Zwölffingerdarm, dem ca. 30 cm
langen vordersten Teil des Dünndarms. Hier muß das Fett zunächst mit Hilfe von
Gallensäure emulgiert werden, wodurch sehr viele und winzig kleine Fettpartikel
entstehen. Dies ist für den nächsten Schritt der Fettverdauung notwendig: Die
feinemulgierten Fettkügelchen bilden eine sehr große Angriffsfläche für fettspaltende
Fermente (Enzyme) der Bauchspeicheldrüse, die Pankreaslipase. Unter dem Einfluß von
Lipase und Darmsaft erfolgt nun die Hydrolyse des Fettes, d.h. aus den Triglyceriden
werden Fettsäuremoleküle herausgelöst. Dabei werden Triglyceride nicht nur in Glycerin
und freie Fettsäuren gespalten, sondern auch in Mo-no- und Diglyceride.
Was geschieht nun mit den Spaltprodukten der Nahrungsfette?
Kasper: Sie werden in die Dünndarmzelle, die Mucosa,
eingeschleust. Für diesen Vorgang müssen zunächst Mizellen gebildet werden. Das sind
lipidreiche Partikel, die gleichzeitig auch wasserlöslich sind. Für die
Mizellenbildungen werden die emulgierten und aufgespaltenen Fettbestandteile, also freie
Fettsäuren, Mono- und Diglyceride, von Gallensäuren umhüllt. Gallensäuren eignen sich
für diesen Prozeß deshalb so gut, weil sie sowohl hydrophile, wasserfreundliche, als
auch hydrophobe, wasserabweisende Anteile besitzen. Bei der Umhüllung der einzelnen
Fett-Spaltprodukte stellen die Gallensäuren ihre hydrophile Seite wie Stacheln eines
Igels nach außen. Dadurch wird die Mizelle außen wasserlöslich. In ihrem Inneren sorgen
die wasserabweisenden Anteile der Gallensäure dafür, daß sich die fettlöslichen
Bestandteile hier aufhalten können: Cholesterin, Mono- und Diglyceride sowie alle
fettlöslichen Nährstoffe wie z.B. Vitamin A und Vitamin E. Die Mizelle kann sich also
trotz ihres lipidreichen Inhalts wie ein Zuckermolekül im wässrigen Milieu des Darms
bewegen.
Wirkt sich das Lipidkonglomerat im Inneren der Mizelle auf die
Resorption aus?
Kasper: Der aus unterschiedlichen Stoffen bestehende Inhalt - man
spricht daher auch von "gemischten" Mizellen - hat z.B. für Patienten mit
Bauchspeicheldrüsenerkrankungen fatale Folgen: Sie können, da ohne Lipase keine Mizellen
gebildet werden, nicht nur kein Fett, sondern auch all die anderen fettlöslichen
Nährstoffe nicht resorbieren.
Wie wird das Fett weitertransportiert?
Kasper: Die Mizelle dockt sozusagen an die Dünndarmzelle an, um
ihren Inhalt in die Zelle zu schleusen. Dabei hilft ihr ein sehr komplizierter
Mechanismus. Die Gallensalze, die das Mizellenäußere mit den hydrophilen Igelstacheln
bilden, verbleiben im Darm. Sie bilden entweder wieder neue Mizellen oder werden
ausgeschieden, da der Darminhalt ja weiterbefördert wird. Insofern muß die Leber immer
wieder Gallenflüssigkeit neu produzieren.
Verändert die Darmzelle den fettreichen Inhalt der Mizelle?
Kasper: In der Mucosazelle wird nun im Zuge einer Resynthese wieder
ganz normales Fett gebildet, also Triglyceride. Da in der Zelle auch wieder Wasser und
Fett vorhanden sind, stellt sich ein erneutes Transportproblem. Die Natur bedient sich an
dieser Stelle jedoch eines anderen Tricks, und zwar in Form von Lipoproteinen. Ein relativ
großes Eiweißmolekül - Eiweiß ist ja wasserlöslich - nimmt kleine Fettmoleküle auf.
Diese "Huckepack"-Gemeinschaft heißt Lipoprotein und vermag im wasserlöslichen
Milieu der Mucosa zu schwimmen. Nach und nach vergrößert sich das Lipoprotein durch
Anlagerung weiterer Fettmoleküle bis es zum sog. Chylomikron angewachsen ist. Wie die
Mizellen sind diese Eiweiß-Fett-Verbindungen wasser- und fettlöslich. An der Basis der
Darmzelle werden die Chylomikronen dann in den Lymphstrom eingeschleust, mit dem sie in
den sog. Milchbrustgang gelangen, von dort in die Vene unterhalb des linken
Schlüsselbeins und letztlich auf dem Blutweg zur Leber.
Welche Ursachen führen zu Fettstoffwechselstörungen?
Kasper: Ein Grund ist das Fehlen von Pankreaslipase, die ja in der
Bauchspeicheldrüse gebildet wird. Ist die Funktion der Bauchspeicheldrüse total
gestört, werden diese Enzyme nicht mehr ausreichend gebildet, und zwar mit folgenden
Konsequenzen: Die Nahrungsfette können nicht mehr aufgespalten werden, die
Mizellenbildung unterbleibt und längerkettige Triglyceride können nicht resorbiert
werden. Beispielsweise wird unter chronischem Alkoholkonsum nach und nach immer mehr
Pankreasgewebe zerstört, so daß am Schluß nur noch so wenig Lipase gebildet wird, daß
vom Nahrungsfett nur noch sehr wenig verdaut und resorbiert wird.
...und wenn Mangel an Gallensäure herrscht?
Kasper: ...kommt es ebenfalls zu Fettstoffwechselstörungen. Das
einfachste Beispiel sind Gallensteine. Bleibt ein solcher Stein im Gallengang hängen und
verschließt ihn, kann die Gallenflüssigkeit nicht mehr in den Darm fließen. Die Folge:
Das Nahrungsfett wird nicht mehr emulgiert und die Lipase kann ohne Gallensalze keine
Mizellen bilden. In einer solchen Situation kann das Fett die Barriere der Darmzelle nicht
überwinden und wird, vom Organismus ungenutzt, wieder ausgeschieden. Abgesehen von
Gallensteinerkrankungen mangelt es jedoch selten an Gallenflüssigkeit. Betrachtet man die
Galleproduktion evolutionsgeschichtlich, handelt es sich sozusagen um eine Urfunktion der
Leber. Wir wissen heute, daß derartige Urfunktionen eines Organs ganz besonders
widerstandsfähig gegen alle möglichen schädigenden Einflüsse sind. In der Praxis
heißt das: Selbst ein Patient mit einer Leberzirrhose im Endstadium produziert immer noch
eine einigermaßen ausreichende Menge an Gallenflüsssigkeit.
Redaktion der Stichwortsammlung "Bei Experten
nachgefragt":Maria Hacks, Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel GmbH, Hamburg
WEITERFÜHRENDE LITERATUR:
- Stichwortserie: Nahrungsfette und -öle, Hrsg.:
Margarine-Institut für gesunde Ernährung, 1996.
- Stichwortserie: Fett und Ernährung, Hrsg.: Margarine-Institut für
gesunde Ernährung, 1995.
- Hacks, M., Rohwedder, D.: Therapie mit Messer und Gabel,
Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel, 1994.
- Fett in der Ernährung, Hrsg.: Lehrmittelverlag Wilhelm
Hagemann und Margarine-Institut für gesunde Ernährung, 5. Auflage, 1991.
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