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BEI EXPERTEN NACHGEFRAGT

Dicke Kinder leben gefährlich - was Hänschen nicht lernt, macht Hans Probleme

UNSER EXPERTE: Dr. med. Berthold Koletzko, Kinderpoliklinik der Universität München.

 

Wie steht es um die Gesundheit der deutschen Kinder und Jugendlichen tatsächlich?

Koletzko: Grundsätzlich hat sich bei uns die Kindergesundheit an vielen Stellen verbessert. Im Vergleich zu früher treten in erster Linie Infektionskrankheiten viel seltener auf, aber es gibt auch Erkrankungen, die an Schwere und Häufigkeit zunehmen. Dazu zählen z.B. Allergien oder, bedingt durch die Impfmüdigkeit, unnötige Keuchhustenfälle. Problematisch ist auch, daß immer mehr Kinder Karies bekommen - das ist vor allem auf die zu geringe Zufuhr von Fluoriden im Kindesalter zurückzuführen. Aktuell sind ferner Ernährungsprobleme. Obgleich wir über ein sehr hochwertiges Nahrungsangebot verfügen, auch im Bereich der Säuglings- und Beikostnahrung sowie der Nahrung für Kleinkinder, steigt die Quote fehlernährter und übergewichtiger Kinder leider kontinuierlich an.

Sind die Gefäße vieler Jugendlicher bereits vorgeschädigt?

Koletzko: Zur Häufigkeit von Gefäßschäden bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen werden zwar nicht bei uns, aber in den USA systematisch Daten erhoben, weil plötzlich Verstorbene, z.B. nach Verkehrsunfällen, obduziert werden müssen. Die erschreckende Bilanz: Bereits 60-70% der in der Pubertät befindlichen jungen Amerikaner haben Fettablagerungen in den Koronararterien. Im Alter von 20 Jahren haben etwa 20% und im Alter von 30 Jahren über 30% narbige arteriosklerotische Veränderungen der Koronararterien. Wir haben keinen Grund anzunehmen, daß die Situation in Deutschland besser ist, zumal die Kinder hier im Mittel höhere Cholesterinwerte haben als junge Amerikaner. Eine Münchener Untersuchung an etwa 5000 Grundschülern hat gezeigt, daß der mittlere Cholesterinwert 6-10jähriger bei 175mg/dl liegt.

Welcher Cholesterinwert ist optimal?

Koletzko: Ein von der WHO proklamierter Wert von unter 120mg/dl für Kinder ist weit entfernt von dem, was in Europa zu realisieren wäre. Allerdings hat etwa die Hälfte der deutschen Kinder einen Cholesterinwert von über 175mg/dl, während dies nur auf 25% der altersentsprechenden Amerikaner zutrifft. Verantwortlich für diesen wesentlichen Risikofaktor scheinen in erster Linie unsere Lebens- und Ernährungsgewohnheiten zu sein. Sie gilt es zu ändern, um das Risiko zu reduzieren, eine Arteriosklerose zu entwickeln. Unsere Ernährung ist einfach nicht optimal. In München verzehren Schulkinder z.B. 41% ihrer Energie als Fett...

... sollten es nicht nur 30% sein?

Koletzko: Die europäischen Kinderärzte haben sich auf eine Richtgröße von 30-35% geeinigt, um Übergewicht zu vermeiden und die Zufuhr gesättigter und trans-Fettsäuren zu begrenzen. Enthält die Nahrung weniger Fett, reicht die Energiedichte in der Wachstumsphase möglicherweise nicht aus. Wichtiger als die Menge ist für Kinder jedoch die Fettqualität. Wir Kinderärzte empfehlen für die Aufteilung der Nahrungsfette bezogen auf die gesamte Energiezufuhr: Nicht mehr als 8-10% gesättigte Fette (vor allem in Milchprodukten und Fleischwaren), möglichst wenig trans-Fettsäuren (in partiell gehärteten Fetten), 6-8% mehrfach ungesättigte Fettsäuren (vor allem in pflanzlichen Keimölen und Diätmargarine) und mehr als 10% einfach ungesättigte Fettsäuren (Oliven- und Rapsöl). Eine reichliche Zufuhr an einfach ungesättigten Fettsäuren soll die Zufuhr gesättigter Fette ersetzen, und sie haben einen günstigen Effekt auf das HDL-Cholesterin.

Warum verzehren so viele von uns wider besseres Wissen zu viel gesättigte Fette?

Koletzko: Ich denke, der Weg vom Kopf zur Hand ist weit. Zusätzlich gibt es oft widersprüchliche Informationen: Kinderärzte empfehlen für Kinder beispielsweise Milch und Milchprodukte mit 1,5% Fettgehalt, aber auf der anderen Seite hört die Mutter, wie gut natürliche Landmilch mit einem Fettgehalt von 4% sein soll. Leider enthalten viele Produkte, die das Image haben, für Kinder besonders geeignet zu sein, nicht nur viel Fett, sondern auch reichlich gesättigte Fettsäuren.

Welche Kinder besitzen ein hohes Risiko, übergewichtig zu werden?

Koletzko: Viele übergewichtige Kinder kommen aus ungünstigen Lebenssituationen, sind viel allein und entscheiden selbst über ihre Ernährung. Wenn der Einfluß der Mutter nachläßt, erhöht sich das Risiko für die Kinder, sich falsch zu ernähren. Ich denke, daß gerade bei jüngeren Kindern die Eltern den Ernährungsplan insgesamt bestimmen, auch wenn sie nicht jedes Lebensmittel auswählen. Wird zuhause eine gesunde Ernährung praktiziert, ist es auch nicht tragisch, wenn das Kind in der Schule oder auf einer Geburtstagsparty einmal "ausbricht".

Plädieren Sie für regelmäßige Gesundheitschecks für Kinder und Jugendliche?

Koletzko: Leider hat der Deutsche Bundestag den Krankenkassen jetzt per Gesetz weitgehend die Möglichkeit genommen, Prävention zu betreiben - auch die Jugendgesundheitsuntersuchung für 11-13jährige ist vorerst wieder gestrichen. Für mich ist das absolut unbegreiflich. Das Gesundheitsreformgesetz von 1989 hat für Erwachsene ab dem Alter von 35 Jahren ein "Check-up 35" eingeführt, mit dem alle 2 Jahre eine Cholesterinbestimmung angeboten wird. Diese Untersuchung kommt aber viel zu spät, um angeborene Störungen des Cholesterinstoffwechsels frühzeitig zu erkennen.

Können durch Übergewicht bedingte Gesundheitsschäden im Alter von 35 Jahren noch behoben werden?

Koletzko: Auch in diesem Alter läßt sich durch intensive Motivation noch viel erreichen: Normalisierung des Körpergewichts und Verbesserung des Fettstoffwechsels. Realität ist aber, daß es umso schwieriger wird, je älter die Menschen sind. Sind die Blutgefäßwände "nur" verfettet, läßt sich dies noch rückgängig machen, nicht aber, wenn sie bereits krankhaft vernarbt sind. Eine konsequente Diät und Therapie kann jedoch zu einer deutlichen Reduktion z.B. des Herzinfarktrisikos führen - auch noch im Alter von 40 oder 50 Jahren.

Wie risikoreich ist es, wenn man im ersten Lebensjahr zu viele Fettzellen bildet?

Koletzko: Die Zahl der Fettzellen hängt von der Körperfettmasse und dem Ausmaß des Übergewichtes ab, nicht vom Zeitpunkt ihrer Bildung. Ein zu dicker Säugling wird nicht automatisch ein übergewichtiger Erwachsener. Anders sieht es aus, wenn ein 11-13jähriges Schulkind stark übergewichtig ist: Mit einer Wahrscheinlichkeit von 75% wird es auch im Alter von 30 Jahren noch stark übergewichtig sein und bleiben - es sei denn, es wird interveniert.

Wie bedeutsam ist der Faktor "Erbanlage zur Fettleibigkeit"?

Koletzko: Es gibt eine ganze Reihe von Hinweisen für genetische Grundlagen, leichter Fett anzusetzen und Probleme beim Abnehmen zu haben. Diese Erbanlagen kommen jedoch nur in Interaktion mit bestimmten Lebensbedingungen zum Tragen. 1948 waren bei uns selbst Menschen mit diesen Erbanlagen gewiß nicht übergewichtig.

Warum benötigen Säuglinge mehr ungesättigte Fettsäuren als Erwachsene?

Koletzko: Weil sie sehr schnell wachsen und mehrfach ungesättigte Fettsäuren in das wachsende Gewebe und die Zellmembranen eingebaut werden. Dabei handelt es sich aber nicht nur um die essentiellen Fettsäuren aus der Nahrung, die Linol- und Linolensäure, sondern vorwiegend um langkettige mehrfach ungesättigte Fettsäuren. Sie bekommt der Säugling mit der Muttermilch.Wird ein Kind nicht gestillt, muß der Organismus diese komplexen ungesättigten Fettsäuren aus den essentiellen Fettsäuren der Nahrung bilden. In Europa gibt es nun erste Säuglingsnahrungen mit diesen speziellen Fettsäuren.

Wie äußert sich ein Mangel an essentiellen Fettsäuren?

Koletzko: Durch Hauterscheinungen, denn die Haut enthält sehr viele essentielle Fettsäuren, um die Wasserbarriere aufrechtzuerhalten. Mangelt es an Linolsäure, wird die Haut trocken und schuppig, die Kinder gedeihen schlecht und wachsen nicht.

Wieviel Cholesterin benötigen Kinder und Säuglinge?

Koletzko: Der kindliche Organismus kann, genau wie der erwachsene, Cholesterin in ausreichender Menge selbst herstellen. Eine gewisse Zufuhr ist jedoch nicht nachteilig, und daher kann der Verzehr von ein bis zwei Eigelb pro Woche sowohl für Säuglinge als auch für Kleinkinder ohne weiteres angeraten werden.


Redaktion der Stichwortsammlung "Bei Experten nachgefragt":
Maria Hacks und Corinna Luerweg, Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel GmbH, Hamburg

WEITERFÜHRENDE LITERATUR:

  • Stichwortserie: Nahrungsfette und -öle, Hrsg.: Margarine-Institut für gesunde Ernährung, 1996.
  • Stichwortserie: Fett und Ernährung, Hrsg.: Margarine-Institut für gesunde Ernährung, 1995.
  • Koletzko, B., Ullrich, K.: Hypercholesterinämie bei Kindern und Jugendlichen, Deutsches Ärzteblatt, 93 Jg., 11 A, 694-696, 1996.
  • Koletzko, B. (Hrsg.): Ernährung chronisch kranker Kinder und Jugendlicher, Springer-Verlag, Heidelberg, 1993.
  • Koletzko, B., Dokoupil, K., von Schenk, U.: Hast Du auch hohes Cholesterin? Ein Ernährungsratgeber für Kinder und Eltern, Steinkopff-Verlag, 1966.
  • Koletzko, B. (Hrsg.): Alternative Ernährung im Kindesalter in der Kontroverse, Springer-Verlag, Berlin, 1996.
  • Hacks, M., Rohwedder, D.: Therapie mit Messer und Gabel, Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel, 1994.