BEI EXPERTEN NACHGEFRAGT
Raffinieren und Modifizieren von Ölen und Fetten -
sinnvoll oder überflüssig?
UNSER EXPERTE: Prof. em. Dr. Alfred Montag ist Lebensmittelchemiker und war fast 20
Jahre lang Inhaber des Lehrstuhls für Lebensmittelchemie der Universität Hamburg.
Spielt die Vorliebe vieler Verbraucher für naturbelassene,
industriell nicht bearbeitete Produkte auch beim Kauf von Butter oder Margarine eine
Rolle?
Montag: Für viele Verbraucher gilt das Stichwort naturbelassen bei
diesen Streichfetten neben dem Geschmack zwar als wichtiges Argument, für mich
persönlich nicht so sehr, denn schließlich werden beide Produkte nur aus natürlichen
Rohwaren hergestellt: Die Butter aus Milchfett, die Margarine aus pflanzlichen Ölen und
Fetten. Zudem belegen die neuesten Marktzahlen, daß der Verbraucher Margarine und Butter
in etwa gleicher Menge kauft und verzehrt.
Wie läßt sich dieses Kaufverhalten mit den doch immer wieder
verbal geäußerten Sorgen in Einklang bringen, man wisse nicht, was bei der industriellen
Bearbeitung mit den natürlichen Rohstoffen tatsächlich geschehe?
Montag: Diese Menschen gehen schlicht davon aus, daß sich die
Industrie nicht an gesetzliche Vorgaben hält. Ein Beispiel: Es wird mitunter beklagt,
daß Butter nicht streichfähig aus dem Kühlschrank kommt. Das Deutsche Milchgesetz
läßt für Deutsche Markenbutter nicht zu, daß sie z.B. durch einen höheren Öl-Anteil
eine weichere Konsistenz bekommt, sondern schreibt genau vor, aus welchen
Ausgangsprodukten Butter herzustellen ist und wie das Endprodukt zu kennzeichnen ist.
Wie schätzen Sie die Akzeptanz für eine streichfähigere Butter
ein?
Montag: Nicht so groß, denn man kann die nach den gesetzlichen
Vorschriften hergestellte Butter ja rechtzeitig aus dem Kühlschrank nehmen. Dennoch, es
gibt auch bei uns modifizierte, d.h. weichere Butter-Produkte, die jedoch nicht als
Deutsche Markenbutter deklariert werden dürfen.
Und wie erhält Butter eine weichere Konsistenz?
Montag: Eine bessere Streichfähigkeit der Butter läßt sich durch
spezielle Fütterungsmethoden erreichen. So stammt beispielsweise die etwas weichere
irische Butter von Kühen, die ausschließlich draußen auf der Weide gehalten werden.
Warum ist Butter härter als Margarine?
Montag: Entscheidend für die Konsistenz ist vor allem die
unterschiedliche Zusammensetzung der Fettmoleküle, bei denen jeweils an ein
Glyzerinmolekül drei gleiche oder verschiedene Fettsäuren gebunden sind. Das heißt: Ist
an ein Glyzerinmolekül dreimal Ölsäure gebunden, hat man ein flüssiges Fett, handelt
es sich dreimal um Stearinsäure, liegt ein festes Fett vor. Daraus folgt gleichzeitig
aber auch: Je mehr ungesättigte Fettsäuren ein Fett enthält, desto flüssiger ist es,
und je mehr gesättigte Fettsäuren vorliegen, desto fester wird das Fett sein. Beim
Milchfett überwiegen die gesättigten Fettsäuren mit einem Anteil von etwa drei Vierteln
gegenüber etwa einem Viertel an einfach und mehrfach ungesättigten. Margarine enthält
dagegen erheblich höhere Anteile an einfach und mehrfach ungesättigten Fettsäuren.
Diese Unterschiede in den Fettsäurespektren wirken sich natürlich auch auf die
Konsistenz aus. Deutlich wird dies am Beispiel der Diätmargarine, die relativ weich ist.
Sie verfügt über einen hohen Gehalt an pflanzlichen Ölen, beispielsweise
Sonnenblumenöl, das besonders reich an mehrfach ungesättigten Fettsäuren ist.
Warum werden die meisten pflanzlichen Öle und Fette - im Gegensatz
zum Milchfett - überhaupt industriell bearbeitet?
Montag: Das hat unterschiedliche Gründe. Zunächst liefert die
Natur mengenmäßig viel mehr flüssige Öle als feste Fette - unsere Verzehrsgewohnheiten
sind aber viel stärker auf festere als auf flüssige Fette ausgerichtet. Durch die
Modifikation von Fetten kann die Industrie diesem Umstand Rechnung tragen. Zum zweiten
sind die natürlichen Rohwaren teilweise verunreinigt, mit Schadstoffen belastet und
enthalten Enzyme, die zur Bildung freier Fettsäuren führen können. Erst die Raffination
ermöglicht, hochwertige, qualitativ gleichbleibende und sensorisch akzeptable Produkte
herzustellen. Und schließlich fordern Verbraucher und Lebensmittelindustrie Produkte, die
sich für ganz spezielle Zwecke eignen, wie z.B. Brotaufstrich, Back- und Bratfette,
Salatöl und Fritierfett.
Mit welcher Operation beginnt der Reinigungsprozeß, die
Raffination?
Montag: Im ersten Schritt wird mit Wasser entschleimt, um die
vorhandenen Trübstoffe zu entfernen. Dabei handelt es sich in der Hauptsache um
Eiweiß-Kohlenhydratverbindungen aus Pflanzenresten, sog. Glykoproteine, die einen
Bodensatz bilden und die Fließeigenschaften des Öls behindern. Der Verbraucher
akzeptiert kein trübes Öl.
Welchen Sinn hat der zweite Schritt der Raffination, die
Entsäuerung?
Montag: Man beseitigt die freien Fettsäuren, die leicht oxidieren
und dadurch den Geschmack beeinträchtigen. Mitunter kombiniert man Entschleimen und
Entsäuern durch Zusatz von Alkali: Die freien Fettsäuren werden neutralisiert, fallen
als Seifenstock aus und reißen die Trübstoffe mit. Das hat technologisch den großen
Vorteil, daß sich die Schleimstoffe, die nur schwer zu filtrieren sind, erheblich
leichter absetzen.
Was passiert beim Bleichen?
Montag: Beim Bleichen handelt es sich um einen physikalischen
Prozeß, bei dem Farbstoffe aus dem Öl adsorptiv entfernt werden. Dazu benutzt man keine
chemischen Bleichmittel, sondern Kieselerde, die sich nicht im Öl auflöst, aber so gut
wie alle im Öl vorhandenen Farbstoffe an sich bindet. Die Kieselerde dient als reiner
Hilfsstoff, der wieder abfiltriert wird und nicht im Öl verbleibt.
Den Schlußpunkt der industriellen Reinigung bildet die Dämpfung?
Montag: Ja, man setzt das Öl unter Vakuum überhitztem Wasserdampf
aus, der unerwünschte Geruchs- und Geschmacksstoffe aufnimmt und aus dem Öl entfernt.
Vor allem dämpft oder desodoriert man die Öle aber, um aus ihnen flüchtige Schadstoffe
restlos zu entfernen. Nur so lassen sich Speiseöle gleichbleibender Qualität, Farbe und
Geschmacksrichtung herstellen.
Wie verändern sich Fette, wenn sie modifiziert werden?
Montag: Im wesentlichen gibt es drei Modifikationsmethoden. Mit dem
rein physikalischen Verfahren der Fraktionierung läßt sich - wie am Beispiel der Butter
schon erwähnt - die Konsistenz eines Fettes verändern, und zwar meist in einem
Trockenprozeß ohne irgendwelche Zusätze. Einen ähnlichen, jedoch besser zu steuernden,
Effekt erreicht man durch die sog. Umesterung, indem man das Verteilungsmuster der
Fettsäuren auf die Fettmoleküle verändert. Die Bruttozusammensetzung des Rohstoffes
bleibt dabei jedoch erhalten. Den tiefsten Eingriff in die Struktur von Ölen und Fetten
bewirkt die Hydrierung oder Härtung, ein der Natur abgeschautes Verfahren, das im Pansen
der Kuh letztlich nicht anders ab-läuft. Härtung von Fetten heißt, daß Wasserstoff an
die Kohlenstoff-Doppelbindungen in Gegenwart geeigneter Katalysatoren angelagert wird.
Dadurch entstehen aus einfach oder mehrfach ungesättigten Fettsäuren gesättigte
Fettsäuren. Mit der Härtung von Fetten und Ölen läßt sich ihre Konsistenz exakt
steuern, und sie werden haltbarer, d.h. stabiler gegen Oxidationsprozesse. Flüssigen
Ölen setzt man übrigens nur so viel gehärtete Fette zu, bis ein streichfähiges Produkt
entsteht - nicht mehr.
Kommen kaltgepreßte Öle ohne industrielle Bearbeitung zum Verkauf?
Montag: Kaltgepreßte Öle werden nicht einmal teilraffiniert. Sie
werden höchstens, um beispielsweise unansehnliche Trübstoffe zu beseitigen, einer
schonenden Wasserdampfbehandlung unterzogen.
Und die Schadstoffe verbleiben im Öl?
Montag: Laboruntersuchungen belegen, daß naturbelasse Olivenöle,
sog. Jungfernöle, PAC enthalten können. Die Belastung ist jedoch in aller Regel gering.
Ist ein naturbelassenes, kaltgepreßtes Öl gesünder als ein
industriell gereinigtes Pflanzenöl?
Montag: Das ist generell schwer zu entscheiden, da der
gesundheitliche Wert eines Pflanzenöls von vielen verschiedenen Faktoren abhängig ist.
Dabei spielt die Zusammensetzung der verschiedenen Fettsäuren eine sehr wichtige Rolle,
aber auch das Verhältnis von Vitamin E zu den im Öl enthaltenen ungesättigten
Fettsäuren. Auch finden sich heutzutage praktisch keine Schadstoffe mehr in hochwertigen
Pflanzenölen, weder in raffinierten noch in kaltgepreßten.
Redaktion der Stichwortsammlung "Bei Experten nachgefragt":
Maria Hacks, Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel GmbH, Hamburg
WEITERFÜHRENDE LITERATUR:
- Stichwortserie: Nahrungsfette und -öle, Hrsg.: Margarine-Institut für
gesunde Ernährung, 1996.
- Stichwortserie: Fett und Ernährung, Hrsg.: Margarine-Institut für
gesunde Ernährung, 1995.
- Bockisch, M.: Handbuch der Lebensmittel-Technologie - Nahrungsfette und
-öle, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart, 1993.
- Ölpflanzen, Pflanzenöle, Margarine, Hrsg.: Margarine-Institut für
gesunde Ernährung, 1987.
- Rohwedder, D., Hacks, M.: Chemie und Physik in Küche und Ernährung,
Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel, 1993.
- Stichwörter: Konsistenz, Bleichen, Entsäuern,
Desodorieren, freie Fettsäuren, Fraktionieren, Umestern, Härten, Kaltpressung
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