BEI EXPERTEN NACHGEFRAGT
Allergisch auf Fett? - von echten und
Pseudo-Allergien
UNSER EXPERTE: Dr. Klaus Ragotzky, ehemaliger Leiter der Wissenschaftlichen
Abteilung der UNILEVER Deutschland GmbH in Hamburg.
Woran liegt es, daß immer mehr Menschen immer öfter über
allergische Reaktionen klagen?
Ragotzky: Seit mehr als 2000 Jahren kennt man die typischen
Merkmale von Allergien. Ihr in den vergangenen drei Jahrzehnten beobachteter starker
Anstieg ist nicht nur in einer verbesserten Diagnostik begründet, sondern vor allem durch
die enorm gestiegene Zahl von möglichen Allergieauslösern bedingt. Neben den Pollen
(Blüten und Gräser), die allergen wirken können, spielen auch immer mehr neue
Kontaktstoffe aus der Natur eine wichtige Rolle: Exotische Früchte, wie die Kiwi, Nüsse
und Hölzer, Polstermöbel, Textilien und auch der ungebrochene Trend zu Teppichböden,
die Hausstaubmilben ein ähnlich gutes Wachstum garantieren wie Matratzen, machen
Allergikern schwer zu schaffen und sind sehr oft die Auslöser.
Wie hoch ist der Anteil an Lebensmittel-Allergien?
Ragotzky: Insgesamt leiden ca. 10-20% der Gesamtbevölkerung unter
allergischen Reaktionen. Auch wenn Lebensmittel und die in ihnen möglicherweise
enthaltenen Zusatzstoffe sehr häufig für viele dieser Beschwerden verantwortlich gemacht
werden, lösen Pollen und Hausstaubmilben am häufigsten allergische Reaktionen aus. An
zweiter Stelle rangieren Haustiere und erst dann kommen mit etwa 2% Lebensmittel mit
allergener Potenz, wobei dieser Prozentsatz bei Kindern etwas höher als bei Erwachsenen
liegt. Lebensmittelzusatzstoffe stellen entgegen dem so oft geäußerten Verdacht nur für
lediglich 0,1 bis 0,2% der Bevölkerung ein allergisches Problem dar - genauer gesagt:
eine Überempfindlichkeit.
Echte Allergien, Pseudoallergien und Intoleranzreaktionen - wie
lassen sich die Unterschiede definieren?
Ragotzky: Obgleich sich die Symptome all dieser
Unverträglichkeitsreaktionen ähneln können, entwickeln sie sich auf sehr
unterschiedlicher Basis. Bei einer echten Allergie liegt ein Defekt des Immunsystems vor,
der dafür verantwortlich ist, daß der Organismus auf eine eiweißenthaltende Substanz
mitunter sogar dramatisch reagiert. Warum das so ist? Unter bestimmten Bedingungen versagt
eine Hauptfunktion des Immunsystems: Fremdsubstanzen, die sog. Antigene, sollen erkannt,
wiedererkannt und, wenn es sich um Krankheitserreger handelt, durch sog. Antikörper
unschädlich gemacht werden. Lebensmittel sind für den Organismus natürlich auch fremde
Substanzen, die das Immunsystem zunächst sorgfältig unter die Lupe nimmt, dann für
harmlos erklärt und nur sehr wenige Antikörper bildet. Lebensmittel werden also nicht
bekämpft, sondern verdaut. Anders beim Allergiker: Sein Immunsystem nimmt beim ersten
Kontakt mit einer allergenen Substanz sozusagen einen Fingerabdruck von ihr, bildet
reichlich Antikörper, weil er sie für krankmachende Antigene hält, löst aber noch
keine Symptome aus. Nun ist der Patient sensibilisiert, und das heißt: Beim zweiten
Kontakt erklärt das Immunsystem der allergenen Substanz gut gerüstet den Krieg. Diese
Antigen-Anti-körper-Reaktion kann beim echten Allergiker, und zwar nur bei ihm, bereits
durch winzige Mengen der allergenen Substanz ausgelöst werden und manchmal so heftig
ablaufen, daß der Kreislauf des Patienten zusammenbricht und es zum anaphylaktischen
Schock kommt, der tödlich enden kann. Viele Patienten mit einer echten Allergie werden
tragischerweise im Laufe ihres Lebens auf immer neue Stoffe allergisch.
Spielt der Pseudoallergiker der Umwelt seine Allergie nur vor?
Ragotzky: Nein. Das "Pseudo" steht nur dafür, daß die
allergischen Symptome nicht durch eine Immunreaktion mit Antigen-Antikörper-Reaktion
ausgelöst werden, sondern mengenabhängig durch den Kontakt mit einem Reizstoff. Er
leidet ganz gewiß unter den mitunter schweren Symptomen, die aber kaum wie bei echten
Allergikern zu wirklich lebensbedrohlichen Situationen führen können. Zudem reagiert der
Pseudoallergiker nur auf eine oder wenige Substanzen und muß nicht damit rechnen, mit der
Zeit auf immer mehr Stoffe allergisch zu reagieren wie der echte Allergiker.
Pseudoallergien betreffen oft die Haut und können durch natürliche
Lebensmittelinhaltsstoffe ausgelöst werden. Zusatzstoffe spielen eine untergeordnete
Rolle; sie können nur, und auch das nur selten, eine milde Pseudoallergie auslösen. Eine
gewisse Rolle spielen einige Konservierungsstoffe, wie z.B. Benzoesäurederivate,
bestimmte Farbstoffe, wie Tartrazin, und Azofarbstoffe, einige Schwefelverbindungen und
möglicherweise der Geschmacksstoff Glutamat. Zu erwähnen sind außerdem
Kontaktallergien, z.B. durch Nickel in Uhrarmbändern.
Was kennzeichnet Intoleranzreaktionen?
Den Intoleranzreaktionen liegen erworbene oder angeborene Enzymdefekte
zugrunde, wie z.B. eine Milch- oder Fruchtzuckerunverträglichkeit, oder die angeborene
Zöliakie, bei der das Klebereiweiß von Getreide, also Gluten, nicht vertragen wird.
Hat eine exakte Diagnose nur akademischen Wert?
Ragotzky: Nein, denn eine solche Diagnose ist schon wegen des
Risikos - "Kann ich an meiner Allergie sterben oder nicht?" - notwendig.
Patienten mit Pseudoallergie oder Intoleranzreaktion sind völlig gesund, wenn sie die
für sie unverträglichen Substanzen total meiden. Leider läßt sich das nicht immer
hundertprozentig in die Tat umsetzen. Ein echter Allergiker jedoch behält seinen
Immundefekt ein Leben lang und damit im Extremfall ein lebensbedrohendes Risiko.
Wie liest sich die Hitliste der Lebensmittel, die allergen wirken
können?
Ragotzky: Es gibt mehrere solcher Listen. Die häufigste Form der
Lebensmittelallergie ist die pollenassoziierte. Dabei handelt es sich um Patienten mit
Pollenallergie, die im Rahmen einer sog. Kreuzreaktivität auf bestimmte Lebensmittel mit
Symptomen reagieren, wenn sie Pollen einatmen. Diese Hitliste ist lang und reicht von
Äpfeln, Haselnüssen und anderen Nüssen über diverses Steinobst bis hin zu Kiwis in
rohem Zustand. Sellerie und Nüsse sind roh und auch in erhitzter Form allergen. Besteht
keine Kreuzreaktivität, finden sich Erdnüsse und Sojaproteine auf den vorderen
Listenplätzen. Hier ist anzumerken, daß industriell gereinigtes, also raffiniertes
Erdnuß- oder Sojaöl, da es kein Eiweiß mehr enthält, auch keine Allergie auslösen
kann. Dies wurde kürzlich durch eine umfangreiche englische Untersuchung bestätigt.
Lebensmittel tierischer Herkunft mit allergener Wirkung sind vor allem Kuhmilch,
Hühnereier, Fisch und Schalentiere. Intoleranzen können ausgelöst werden durch
Salicylate in Äpfeln und Aprikosen, durch biogene Amine, Serotonin in Bananen und Nüssen
sowie Tyramin in reifem Käse und Schokolade.
Was genau bewirken biogene Amine?
Ragotzky: Diese Substanzen entstehen aus Eiweißbestandteilen, den
sog. Aminosäuren. Sind sie in größerer Menge in Lebensmitteln enthalten, können
allergieähnliche Überempfindlichkeitsreaktionen die Folge sein. Sie finden sich z.B. in
Fischen, die etwas zu lange gelagert wurden oder in sehr reifem Käse. Besonders
problematisch ist die Kombination mit Alkohol.
Ein Rotweintrinker, der gleichzeitig alten Käse ißt, kann also
allergisch reagieren?
Ragotzky: Seine Haut kann sich röten oder er bekommt
Hitzewallungen. Wer zu allergischen Reaktionen neigt, sollte statt lang gereiftem Käse
lieber jungen essen und dann auf Alkohol verzichten.
Gibt es Menschen, die auf Fettinhaltsstoffe allergisch reagieren?
Ragotzky: Eiweißfreie Fette und Öle lösen keine Allergie aus.
Enthält ein naturbelassenes Öl aber Eiweißbestandteile mit allergener Potenz, können
Probleme auftreten.
Wie hoch ist das allergische Risiko beim Verzehr von tierischen
Streichfetten wie Butter oder Schmalz?
Ragotzky: Bei Butter und Margarine mit Milchanteil kann bei
Milchallergikern nur dadurch ein gewisses Problem entstehen, daß diese Fette meist
Milchproteine enthalten. Die Milcheiweißallergien spielen hauptsächlich bei Kindern in
den ersten Lebensjahren eine gewisse, aber nicht ausgeprägte Rolle. Das Risiko ist sehr
gering. Etwas verbreiteter sind Allergien gegenüber den in Schmalz enthaltenen Proteinen
- im Vergleich zu Nüssen und Fisch handelt es sich aber auch hierbei um seltene Fälle.
Wären Fettersatzstoffe eine denkbare Alternative?
Ragotzky: Nein, sie sind ein Ausweg bei Fettunverträglichkeiten
und Fettstoffwechselstörungen. In Sachen Allergie lösen sie keine Probleme, da die Fette
selbst ja keine Allergien bewirken.
Redaktion der Stichwortsammlung "Bei Experten nachgefragt":
Maria Hacks, Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel GmbH, Hamburg
WEITERFÜHRENDE LITERATUR:
- Stichwortserie: Nahrungsfette und -öle, Hrsg.: Margarine-Institut für
gesunde Ernährung, 1996.
- Stichwortserie: Fett und Ernährung, Hrsg.: Margarine-Institut für
gesunde Ernährung, 1995.
- Hourihane, J. OB. et al.: "Randomised, double blind,
crossover challenge study of allergenicity of peanut oils in subjects allergic to
peanuts", British Medical Journal, April 1997.
- Rohwedder, D., Hacks, M.: Chemie und Physik in Küche und Ernährung,
Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel, 1993.
- Fett in der Ernährung, Hrsg.: Lehrmittelverlag Wilhelm Hagemann und
Margarine-Institut für gesunde Ernährung, 5. Auflage, 1991.
- Hacks, M., Rohwedder, D.: Therapie mit Messer und Gabel,
Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel, 1994.
|