BEI EXPERTEN NACHGEFRAGT
Zutat oder Zusatz - wo liegen hier die Unterschiede?
UNSER EXPERTE: Dr. Klaus Ragotzky, ehemaliger
Leiter der Wissenschaftlichen Abteilung der UNILEVER Deutschland GmbH in
Hamburg.
Ragotzky: Fügt man einem Lebensmittel irgendeinen Stoff hinzu,
handelt es sich generell um eine Zutat und insofern sind auch Zusatzstoffe Zutaten.
Bestimmte Zutaten fallen nicht unter den Begriff Zusatzstoff, und zwar handelt es sich
dann um Stoffe natürlicher Herkunft, um Trink- und Tafelwasser sowie um Stoffe, die den
natürlichen chemisch gleich sind und Lebensmitteln nach allgemeiner Verkehrsauffassung
überwiegend wegen ihres Nähr-, Geruchs- oder Geschmackswertes oder auch als Genußmittel
hinzugefügt werden. Demgegenüber definiert der Gesetzgeber als Zusatzstoff jene Zutaten,
die Lebensmittel in ihrer Beschaffenheit beeinflussen oder bestimmte Eigenschaften oder
Wirkungen erzielen sollen. Die Zulassung von Zusatzstoffen ist gesetzlich sehr viel
strenger geregelt als allgemein angenommen wird.
Beim Verbraucher lösen Stoffe, die er nicht kennt und deren Nutzen
er nicht nachvollziehen kann, Ängste aus. Sind Zusatzstoffe eigentlich überflüssig oder
sogar ungesund?
Ragotzky: Nein, denn weltweit gelten für die Zulassung eines
Lebensmittelzusatzstoffes folgende drei Kriterien: Er muß gesundheitlich unbedenklich und
technisch notwendig sein und darf nicht dazu geeignet sein, den Verbraucher zu täuschen.
Können Sie etwas Licht in das Dunkel der langen Liste der sog.
Zusatzstoffklassen bringen?
Ragotzky: Die Liste ist in der Tat lang. Sie reicht von
Konservierungs- und Säuerungsmitteln über Antioxidantien zu Emulgatoren, modifizierten
Stärken und Verdickungsmitteln. Damit Lebensmittel nicht zu schnell verderben, sind z.B.
Konservierungsmittel oft technisch notwendig: Sie bremsen die Aktivitäten schädlicher
Mikroorganismen.
Kommen Pflanzenöle ohne Zusätze aus?
Ragotzky: Normalerweise ja, aber einige Salatöle sind mit Vitamin
E angereichert, weil sie - wie z.B. Distelöl - von Natur aus relativ stiefmütterlich mit
diesem Antioxidans, das den Prozeß des Ranzigwerdens verlangsamt, ausgestattet sind.
Anders bei der Margarine - welche Zutaten darf sie enthalten?
Ragotzky: Als Zusatzstoff z.B. ein Säuerungsmittel bzw. einen
Säureregulator; das sind ca. 0,1 - 0,3% an sog. Genußsäuren wie Milch- oder
Zitronensäure, damit das Produkt frisch riecht und schmeckt und sich pathogene,
krankmachende Keime nicht vermehren können. Das Wort Säure klingt nicht gut, aber
Zitronensäure kennt jeder von den Zitrusfrüchten her und sie stellt nichts
Problematisches im Rahmen einer gesunden Ernährung dar, zumal sie die mikrobiologische
Stabilität der Margarine erhöht; entsprechendes gilt für die Milchsäure.
Spielt das Salz eine ähnliche Rolle?
Ragotzky: Im Endeffekt wird Margarine nur aus geschmacklichen
Gründen leicht gesalzen. Eine kleine Prise Salz hat bei der Zubereitung vieler Speisen
einen positiven Effekt - in der Margarine sind es nur 0,2 bis 0,4%, und Diätmargarine ist
noch salzärmer. Salz ist im übrigen eine Zutat, die nicht zu den Zusatzstoffen zählt.
Konservierend wirkt Salz also nicht?
Ragotzky: Nein, denn einen gewissen konservierenden Effekt hat erst
ein Salzgehalt von 1 bis 2% wie er in englischer oder skandinavischer Margarine und Butter
üblich ist. Auf deutsche Margarine trifft das nicht zu.
Welche Art Zusatzstoff verbirgt sich hinter Namen wie Lecithin oder
Mono-/Diglyceriden, und was bewirken sie?
Ragotzky: Lecithin ist vor allem ein Bestandteil von Ölsaaten wie
Sojabohnen und Rapssamen. Es ist eine sehr positive Substanz, und zwar vor allem für
Menschen mit Herz-Kreislaufproblemen. Als Lebensmittelzusatzstoff wirkt es, wie die
Mono-/Diglyceride, in erster Linie emulgierend und läßt Emulsionsfette beim Braten in
der Pfanne weniger spritzen.
Was ist ein Emulgator?
Ragotzky: Das Wort klingt sehr chemisch, ist aber im
Lebensmittelbereich ein natürlicher Bestandteil von Nahrungsmitteln. Ohne Emulgator
können sich Fett und Wasser z.B. nicht vermischen, können keine Emulsion bilden. Bei
Mono-/Diglyceriden handelt es sich um ganz normale Fettmoleküle, denen zwar eine
Fettsäure fehlt, die sich ansonsten aber wie ein typisches Fett verhalten - mit dem
Zusatzeffekt, daß sie die Feinverteilung von Wasser und Öl ineinander ermöglichen.
Stammen die in Margarine enthaltenen Mono- und Diglyceride aus dem
Chemielabor?
Ragotzky: Nein. Man gewinnt sie aus natürlichen Pflanzenölen.
Interessant ist, daß auch der menschliche Organismus Mono-/ Diglyceride bildet, damit das
Nahrungsfett die Darmwand bei der Verdauung passieren kann. Werden Fettmoleküle, die sog.
Triglyceride, gespalten, entstehen Mono-/ Diglyceride und freie Fettsäuren. Umgekehrt
bilden sich normale Fettmoleküle, wenn freie Fettsäuren an Mono-/Diglyceride ankoppeln -
ein Vorgang, der auch im menschlichen Organismus nach der Fettresorption durch die
Darmwand stattfindet: In der Lymphe entstehen dann wieder Triglyceride.
Wie läßt sich erklären, daß Mono-/Diglyceride emulgierend
wirken?
Ragotzky: Das Molekül eines Emulgators besitzt eine
fettfreundliche, lipophile Hälfte, die sich leicht mit Fett verbindet, und eine
wasserfreundliche, hydrophile, die sich gern an Wasser bindet. In der chemischen Industrie
nutzt man, z.B. für Hautcremes, auch Emulgatoren, die nicht aus Nahrungsmitteln stammen
und auch nicht als Lebensmittelzusatzstoff geeignet wären. Lebensmittel enthalten jedoch
nur Emulgatoren natürlichen Ursprungs.
Wie entsteht aus Pflanzenöl ein Mono-Diglycerid, also ein
Emulgator?
Ragotzky: Ganz einfach. Glycerin ist ein bekannter Stoff, den man
ohne weiteres auch verzehren kann. Erwärmt man Glycerin und Fett, entstehen
Mono-/Diglyceride.
Ohne Zusatz von Chemikalien, die im Produkt verbleiben könnten?
Ragotzky: Die gewünschte chemische Umsetzung findet mit Hilfe
eines Katalysators statt, der sich aber weder mit dem Glycerin noch mit dem Fett
verbindet. Man kann ganz sicher sein, daß ein Nahrungsmittel, das einen Emulgator
enthält, frei von Spuren eines solchen Katalysators ist.
Wie geheimnisvoll sind Aromastoffe?
Ragotzky: Es gibt natürliche und naturidentische Aromen - beide
sind weder geheimnisvoll noch ungesund und können Lebensmitteln als Zutat zugesetzt
werden. Daneben gibt es ca. 15 bis 20 künstliche Aromastoffe, z.B. Äthylvanillin.
Margarine werden künstliche Aromastoffe übrigens grundsätzlich nicht zugesetzt.
Sind Vitamine auch Zusatzstoffe?
Ragotzky: Nur die Vitamine A und D werden vom Gesetzgeber wie
Zusatzstoffe behandelt, weil sie in höheren Dosierungen zu gesundheitlichen Schäden
führen können und ihr Einsatz in Lebensmitteln deshalb Einschränkungen unterliegt.
Warum wird fettreduzierter und fettarmer Margarine Gelatine oder
Milcheiweiß zugesetzt?
Ragotzky: Vor allem aus geschmacklichen Gründen, denn durch den
Zusatz dieser natürlichen Substanzen schmeckt eine fettarme Margarine fast wie eine
normale.
Wie problematisch ist der Zusatz von Farbstoffen in Lebensmitteln?
Ragotzky: Bei uns sind rund 40 Farbstoffe als Zusatzstoffe
zugelassen, die natürlichen Ursprungs, naturidentisch oder rein synthetisch sind. Man
setzt sie in erster Linie ein, um verarbeitungsbedingte Farbverluste auszugleichen. Bei
den Farbstoffen gibt es einige Grenzbereiche zwischen Zusatzstoff und Zutat. Karamelzucker
ist z.B. kein Farbstoff, sondern ein färbendes Lebensmittel - beim Erhitzen in der Pfanne
kommt es zur Karamelisierung und damit zur Bräunung. Eine Ausnahme bilden auch
aromatisierende Farbstoffe, die man hauptsächlich wegen ihrer geruchs- oder
geschmacksgebenden Eigenschaften verwendet. Bei der Margarine setzt man lediglich
b-Carotin zu, ein Vorläufer des Vitamin A, das der menschliche Organismus gut verwerten
kann. Insofern stellt sich beim b-Carotin oder Provitamin A eigentlich keine
Farbstoffproblematik. In der Zutatenliste der Margarine muß es dennoch als Farbstoff
deklariert werden, weil es in diesem Fall zum Färben eingesetzt wird und nicht zur
Vitaminisierung. Wollte man eine Margarine mit Vitamin A anreichern, müßte man erheblich
mehr zusetzen, um einen entsprechenden Effekt zu erzielen.
Redaktion der Stichwortsammlung "Bei Experten nachgefragt":
Maria Hacks, Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel GmbH, Hamburg
WEITERFÜHRENDE LITERATUR:
- Stichwortserie: Nahrungsfette und -öle, Hrsg.:
Margarine-Institut für gesunde Ernährung, 1996.
- Stichwortserie: Fett und Ernährung, Hrsg.: Margarine-Institut für
gesunde Ernährung, 1995.
- Bockisch, M.: Handbuch der Lebensmittel-Technologie - Nahrungsfette und
-öle, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart, 1993.
- Rohwedder, D., Hacks, M.: "Chemie und Physik in Küche und
Ernährung", Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel, 1993.
- Lück, E.: "Zusatzstoffe im Licht der neuen
EU-Gesetzgebung", LVT 40, 1995.
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