BEI EXPERTEN NACHGEFRAGT
Pflanzen speichern Fett mit Fleiß - Qualität und
Quantität im Visier
UNSER EXPERTE: Prof. em. Dr.
Dr. Gerhard Röbbelen, langjähriger Inhaber des Lehrstuhls für Pflanzenzüchtung der
Universität Göttingen, bekannt als Rapsprofessor, Präsident (1989-1991) der Deutschen
Gesellschaft für Fettwissenschaft (DGF) und Gründungspräsident (1991-1996) der
Gesellschaft für Pflanzenzüchtung.
Wie funktioniert die Fettproduktion in Pflanzen?
Röbbelen: Pflanzen synthetisieren Fett vor allem in ihren Samen.
Es dient dort als Speicherstoff, um nach der Samenruhe für die Keimung und das erste
Wachstum des Sämlings Kohlenstoffbausteine und vor allem auch Energie zur Verfügung zu
stellen. Bei den Samenfetten oder -ölen handelt es sich um "Triglyceride", bei
denen jeweils ein Glycerinmolekül mit drei Fettsäuren verestert ist. Es gibt auch andere
Pflanzenfette, bei denen eine oder zwei Positionen des Glycerins mit Zucker-, Phosphat-
oder anderen Molekülen verestert sind - diese "Lipide" finden sich in hoher
Menge in den Membranen aller Lebewesen, wo sie im Stoffwechsel wichtige Funktionen
erfüllen. Die Fettbildung beginnt in den grünen Chloroplasten der Blätter.
Was sind Chloroplasten?
Röbbelen: Die Blattgrünträger, kleine, linsenförmige Gebilde im
Inneren einer jeden grünen Pflanzenzelle. Sie enthalten, z.T. in Stapeln, die Membranen,
die das Chlorophyll tragen, mit denen die Pflanze Sonnenenergie einfängt und in denen die
Photosynthese beginnt.
Was geschieht im Rahmen der Photosynthese?
Röbbelen: Mit Hilfe der Sonnenenergie werden aus anorganischen
Stoffen organische gebildet. Kurz gefaßt funktioniert die Photosynthese wie folgt: In
einem ersten Schritt, der Lichtreaktion, wird mittels der chemisch gebundenen Lichtenergie
Wasser (H2O) in reduzierenden Wasserstoff (2H)
und Sauerstoff (O) gespalten. In der folgenden Dunkelreaktion wird mit der so gebildeten
Reduktionskraft das CO2 aus der Luft zu einem
ersten organischen Molekül (CH2O)
"assimiliert". Das überzählige Sauerstoffatom aus dem CO2
wird zu Wasser gebunden, während der aus der Wasserspaltung
freigewordene Sauerstoff aus dem System als Gas entweicht. Der mit der Reduktion des
Kohlendioxids verbundene Energieaufwand wird bei Verbrennung, d.h. bei einer erneuten
Oxidation dieses organischen Moleküls, wieder frei. Im Bereich der organischen Chemie
sind Fettmoleküle am stärksten reduziert, d.h. sie sind am sauerstoffärmsten und
deshalb gleichzeitig am energiereichsten. Sie sind somit im Samen als Speicherstoffe am
besten geeignet.
Was geschieht mit den primären Substanzen aus der Photosynthese
weiter?
Röbbelen: Der in der Photosynthese fixierte Kohlenstoff ist das
Ausgangsmaterial für alle weiteren Stoffsynthesen. Während jedoch die Produktion von
Kohlenhydraten und Aminosäuren durch die Blattmesophyllzellen zumeist für den Export in
andere Teile der Pflanze bestimmt ist, erfolgt die Synthese der Fettsäuren vorwiegend
für den Energiebedarf der Zellen. Pflanzen können Fettsäuren nicht über weite Strecken
transportieren.
Reicht die Sonnenenergie auch in den Polarzonen für die Photosynthese?
Röbbelen: Ja natürlich, denn sonst könnten sich dort keine
Pflanzen erhalten. Aber bei wenig Sonne bleiben die Pflanzen relativ klein und wachsen
langsamer. Jedoch sind die Ertragsleistungen von Kulturpflanzen nicht allein durch ihre
Photosynthese bestimmt. Ebenso wichtig ist die Effizienz weiterer Stoffumsetzungen und
-synthesen sowie ihre Anpassung an die vorherrschenden Klima- und Bodenverhältnisse.
Deshalb kann z.B. ein in nördlichen Breiten angebauter Raps in seinen Samen ähnliche
Fettmengen speichern wie eine Sonnenblume, die unter südlicherer Sonne wächst, oder wie
viele tropische Pflanzen.
Was geschieht mit den ersten kurzkettigen Fettsäuren aus der
Photosynthese?
Röbbelen: Das primäre Photosyntheseprodukt für die
Fettsäurebildung ist ein C2-Molekül
(Azetat), das enzymatisch aktiviert und durch serielle Addition zu einer Kohlenstoffkette
verlängert wird. Die dafür notwendigen Enzyme sind in allen höheren Lebewesen im
wesentlichen die gleichen. Aber dieses relativ komplizierte Geschehen kann je nach
Stellung einzelner Stoffwechsel-"Schalter" im einzelnen doch recht verschieden
ablaufen, so daß ein sehr vielgestaltiges Spektrum von Endprodukten entstehen kann, also
Fettsäuren aus nur 8 oder 10 Kohlenstoffatomen oder solche aus 22 oder 24, mit
Doppelbindungen im Kohlenstoffgerüst oder weiteren chemisch funktionellen, z.B. OH-, O-
oder Azetylengruppen.
Warum haben Samenfette so unterschiedliche Fettsäurespektren?
Röbbelen: Ein überwiegender Anteil dieser Variabilität bedeutet
nicht mehr als ein Spielen der Natur. Während die Fettsäurezusammensetzung der
Zellmembranen für deren Funktionsfähigkeit sehr wichtig ist, dienen Speicherfette im
Samen nur als Substrat oder Energiespender für die spätere Keimung. Ob die Fettsäuren
hier kürzer, länger oder chemisch modifiziert sind, ist für die Samenkeimung ziemlich
belanglos. Das eröffnet Pflanzenzüchtern die Möglichkeit, Pflanzen züchterisch so zu
verändern, daß sie z.B. in ihren Samen Fett mit überwiegend nur einer einzigen
erwünschten Fettsäure synthetisieren. Eine derart "maßgeschneiderte"
Fettsäuresynthese gelingt jedoch nur für das Speicherfett und ist auch hier nicht
völlig unabhängig von den verschiedenen Umweltbedingungen. Wünscht man z.B. einen hohen
Gehalt an mehrfach ungesättigten Fettsäuren, so sind niedrige Temperaturen besonders
hilfreich. Leinöl von hoher Qualität stammt daher aus dem kühlen Norden und nicht aus
wärmeren Gebieten.
Dann produzieren Pflanzen in nördlichen Breiten, also wie Seetiere,
besonders viel mehrfach ungesättigte Fettsäuren?
Röbbelen: Da die Triglyceridsynthese in den Samen von der Synthese
der verschiedenartigen Lipide für die Membranausstattung der anderen Pflanzenorgane nicht
vollständig abgekoppelt ist, wirken Umwelteinflüsse häufig gleichsinnig auf mehrere
Lipidsynthesewege ein. In ihren Zellmembranen benötigen Pflanzen, wie Tiere, bei
niedriger Umgebungstemperatur einen höheren Anteil an ungesättigten Fettsäuren, weil
die Lipide sonst steif würden und die Zellmembranen ihre Flexibilität verlören.
Pflanzen sind darauf stärker angewiesen als Tiere, die dieses Problem der physikalischen
Rigidität ihrer Lipidmembranen durch die Körpertemperatur kontrollieren.
Welche Pflanze speichert das meiste Fett?
Röbbelen: Sehr viel Fett enthalten Rapssamen und auch Mohn,
Erdnuß und Sesam mit einem Fettgehalt bis zur Hälfte ihrer Samentrockenmasse und mehr.
Im Unterschied zur Sojabohne mit kaum mehr als 25% Fett, bezeichnet man die
hochölhaltigen als "Weichsaaten". Bei der Verarbeitung werden sie zunächst
vorgepreßt, wobei man bereits mehr als die Hälfte des Öls gewinnt, und dann die
Preßrückstände (Expeller) mittels Hexan extrahiert. Sojabohnen werden demgegenüber als
Hartsaat nach Konditionierung direkt extrahiert. Die Rückstände der Ölextraktion
enthalten durchweg ein hochwertiges Eiweiß: Soja etwa 40% und Raps etwa 20 bis 25%. Diese
Ölsaaten stellen deshalb ein wertvolles Futtermittel für Haustiere dar.
Spielen Schadstoffe auch bei Samenfetten eine Rolle?
Röbbelen: In der Tat wecken in der Natur wertvolle Nahrungsstoffe
allseits Begehr. Wildlebende Pflanzen haben sich deshalb vor solchem Raub nicht selten
durch Repellentien oder Giftstoffe geschützt; d.h. die Bildung derartiger Sekundärstoffe
durch Mutation verschaffte in der Evolution dem Träger einen merklichen
Überlebensvorteil. So entstanden in Rapssamen bitter schmeckende Glucosinolate oder in
Lupinen giftige Alkaloide, die den Verzehr der Samen durch Tiere verhinderten. Der Mensch
hat früher, um diesem Problem zu entgehen, die Lupinen vor dem Verzehr gekocht und das
Brühwasser weggegossen. Inzwischen züchtete er "Süßlupinen" als
Kulturpflanze und glucosinolatarme Rapssorten, für deren Vermehrung er selbst die Sorge
übernahm. Kulturpflanzen, in denen der Züchter die Synthese der natürlichen Schutz-
oder "Schad"-stoffe genetisch unterbunden hat, erfordern die erhöhte
Aufmerksamkeit des anbauenden Landwirts, damit ihm das wertvolle Erntegut nicht vorzeitig
abhanden kommt.
Wie reagieren Pflanzen auf eine Veränderung ihres Fettsäuremusters?
Röbbelen: Seit Jahrhunderten verändert der Pflanzenzüchter die
stoffliche Zusammensetzung der Kulturpflanzen, indem er solche Individuen für den
weiteren Anbau auswählt, die seinen Wünschen an die Qualität des Ernteguts besser
entsprechen. Derartige Einzelpflanzen entstehen, wenngleich selten, immer wieder durch
Mutation. Handelt es sich dabei um eine für das Überleben der Pflanze unbedeutende
Veränderung in der Fettsäurebildung, hat sie auch in natürlichen Pflanzenpopulationen
weiterhin Bestand.
Redaktion der Stichwortsammlung "Bei Experten nachgefragt":
Maria Hacks, Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel GmbH, Hamburg
WEITERFÜHRENDE LITERATUR:
- Stichwortserie: Nahrungsfette und -öle, Hrsg.:
Margarine-Institut für gesunde Ernährung, 1996.
- Stichwortserie: Fett und Ernährung, Hrsg.: Margarine-Institut für
gesunde Ernährung, 1995.
- Bockisch, M.: Handbuch der Lebensmittel-Technologie - Nahrungsfette und
-öle, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart, 1993.
- Ölpflanzen, Pflanzenöle, Margarine, Hrsg.: Margarine-Institut für
gesunde Ernährung, 1987.
- Rohwedder, D., Hacks, M.: Chemie und Physik in Küche und Ernährung,
Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel, 1993.
- Fett in der Ernährung, Hrsg.: Lehrmittelverlag Wilhelm
Hagemann und Margarine-Institut für gesunde Ernährung, 5. Auflage, 1991.
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