BEI EXPERTEN NACHGEFRAGT
Weltweite Forschung - klare Antworten auf viele Fragen
UNSER EXPERTE: Prof. Dr. med. Peter Schwandt: ist Leiter
der Stoffwechselabteilung der Medizinischen Klinik II im Klinikum Großhadern der
Ludwig-Maximilians-Universität in München. Vorstandsvorsitzender der Stiftung zur
Atheroskleroseprävention und langjähriger Vorsitzender der Lipidliga.
Welche Studien belegen, daß durch die Reduktion zu hoher
LDL-Cholesterinspiegel das Herzinfarktrisiko sinkt?
Schwandt: Eindeutig sprechen die Ergebnisse der WOSCOP-Studie
(West of Scotland Primary Prevention) für diesen Effekt - eine primäre
Präventionsstudie mit herzgesunden Patienten. Entsprechend deutliche Daten haben zwei
sekundäre Präventionsstudien mit Infarktpatienten ergeben: Die Teilnehmer der 4S-Studie
(Scandinavian Simvastatin Survival Study) hatten hohe Cholesterinwerte und die der CARE-Studie
(Cholesterol and Recurrent Events) scheinbar niedrige. Alle drei Studien haben gezeigt,
daß die Cholesterinsenkung das kardiovaskuläre Mortalitäts- und Morbiditätsrisiko
senken kann - sie belegen auch, daß eine solche Behandlung die Sterblichkeitsrate
insgesamt senkt. Der letzte Punkt ist besonders wichtig, weil z.B. der LRC- und Helsinki-Heart-Study
immer vorgeworfen wurde, es nütze doch nicht viel, weniger Infarkttote bei
gleichbleibender Höhe der Gesamtsterblichkeit zu haben. Durch die WOSCOP-, 4S- und
CARE-Studie ist dieser Vorwurf nun vom Tisch. Außerdem wurden in zwei dieser Studien auch
Frauen behandelt - die WOSCOP-, LRC- und Helsinki-Heart-Study waren reine Männer-Studien
-, so daß nun auch das Risiko für Frauen mit zu hohen LDL-Cholesterinwerten
abzuschätzen ist. Insgesamt gibt es heute keinen Zweifel mehr daran, daß die Senkung zu
hoher LDL-Cholesterinwerte Sinn macht: Sie sind ein ernster Risikofaktor.
Welchen Stellenwert haben zu hohe LDL-Cholesterinwerte im Rahmen der
vielen anderen Risikofaktoren?
Schwandt: Hierzu geben nicht nur die drei erwähnten
Präventionsstudien Auskunft, sondern auch die älteren Regressionsstudien. An kleinen
Patientenkollektiven haben diese Studien als erste bewiesen, daß eine ausreichende
LDL-Cholesterinsenkung koronarangiographisch und klinisch wirklich positive Effekte
bringt.
Was bedeutet "ausreichende" LDL-Cholesterinsenkung?
Schwandt: Wir können aus all diesen Studien für den Umgang mit
unseren Patienten lernen, daß es nicht "das" LDL-Cholesterin schlechthin gibt,
sondern für jeden Patienten ein jeweils richtiges. Um diesen individuell optimalen
LDL-Wert zu ermitteln, muß man auf alle bekannten Risikofaktoren schauen, und dann
ergeben sich folgende Leitlinien: Wenn der Patient schon einen Herzinfarkt hatte, darf das
LDL-Cholesterin 95 mg/dl nicht übersteigen. Ist ein Mensch mit keinem einzigen Risiko
belastet, sind 180 mg/dl noch zu tolerieren.
Empfehlen sich lipidsenkende Medikamente schon zur primären
Prävention?
Schwandt: Natürlich wird man immer versuchen, die medikamentöse
Therapie so lange wie möglich zu vermeiden. Soll man aber warten, bis ein Mensch mit
eindeutiger Risikokonstellation einen Infarkt erleidet? Die Autoren der WOSCOP-Studie
plädieren, wenn auch zunehmend zurückhaltender, in kritischen Fällen auch
primärpräventiv für den Einsatz von Medikamenten. Ich meine, man sollte noch intensiver
mit lifestyle modification arbeiten und noch intensiver auf die anderen Risikofaktoren
einwirken, ehe man Medikamente gibt.
Ist es nicht gängig, erhöhte LDL-Werte zunächst über
Ernährungsumstellung und sportliche Aktivitäten zu senken?
Schwandt: So üblich ist das leider nicht, weil viele glauben, die
meisten Patienten könnten sich auf Dauer von ihren liebgewordenen Ernährungsgewohnheiten
nicht trennen. Dies stimmt sicher dann, wenn der Patient von vornherein erfährt, daß
sein Problem auch medikamentös zu lösen ist. Das muß demotivieren. Gegen den Versuch
einer lifestyle modification spricht häufig auch die Ungeduld der Patienten, wenn sie
nach 4 Wochen keinen deutlichen Erfolg sehen. Besteht als einziger Risikofaktor ein
mäßig erhöhtes LDL-Cholesterin, sollte man es mindestens 9 Monate lang allein mit einer
modifizierten Ernährung versuchen.
Was zeichnet die CARE-Studie aus?
Schwandt: Die Studie wurde von dem weltberühmten Kardiologen Braunwald
geleitet, und insofern gibt es jetzt eine sehr breite Akzeptanz dafür, daß die
LDL-Cholesterinsenkung wirklich wichtig ist. An dieser Doppelblindstudie nahmen 4159
Männer und Frauen im Alter zwischen 24 und 75 Jahren aus den USA und Kanada teil. Sie
erhielten neben einer optimalen Infarktbehandlung über 5 Jahre entweder Placebo oder
einen Lipidsenker. In der mit dem cholesterinsenkenden Präparat behandelten Gruppe zeigte
sich folgendes: Betrugen die LDL-Cholesterinwerte zu Beginn weniger als 125 mg/dl, ergab
sich kaum ein Effekt. Bei Ausgangswerten zwischen 125 und 150 mg/dl wurde eine
Risikosenkung um 26% erreicht und um 35%, wenn die Werte beim Start der Studie über 150
mg/dl lagen. Ein ganz wesentlicher Aspekt der CARE-Studie ist also, daß Patienten mit
hohen Ausgangswerten von einer lipidsenkendenTherapie am meisten profitieren, und daß
Frauen mit erhöhten LDL-Cholesterinwerten einen weit größeren Nutzen haben als Männer.
Welche Präventionsstudie ist für Sie die wichtigste?
Schwandt: Vor allem wegen ihres Pioniercharakters ist das für mich
die 4S-Studie - durchgeführt mit 4444 Männern und Frauen. Diese Studie hat uns die erste
große Sicherheit gegeben, daß die Lipidsenkung wirkt und nicht nebenwirkt, sich also
Morbidität und tatsächlich auch die Mortalität eindeutig bessern.
Läßt sich das kardiovaskuläre Risiko auch ohne Medikamente
senken?
Schwandt: Es ist ein mühsamer Weg und fordert vom Patienten
großes Durchhaltevermögen, aber es funktioniert. Im Rahmen der Oslo-Studie (Oslo
Primary Preventive Trial) wurde innerhalb von 5 Jahren mit An-tiraucherprogramm und
Ernährungsmodifikation ein deutlicher Rückgang der Fettwerte, des Rauchens und der
Infarkte geschafft: 13% Cholesterinabfall, 20% Triglyceridsenkung, 45% geringerer
Tabakkon-sum und 47% weniger Infarkte, wobei letzteres auch mit dem reduzierten Rauchen
zusammenhängt. Die Studie zeigt, daß man wirklich alle Risikofaktoren angehen muß.
Ergebnisse, die sich sehen lassen können, hat auch das finnische Gemeindeprojekt, die
North Karelia Study, gebracht, und zwar nur durch veränderte Ernährungs- und
Lebensgewohnheiten. Im gesamten Gemeindebereich sank in 20 Jahren das Cholesterin um 40
mg/dl, die kardiovaskuläre Mortalität um 43%, die Krebshäufigkeit um 29%, gewaltsame
Todesfälle um 12% und die Ge-samtsterblichkeit um 34%. Die Ausgangswerte der Bevölkerung
waren enorm hoch, so daß es simpel erscheint, gute Besserungsraten zu erzielen, aber es
beweist auch, daß es Leuten, die schlecht dran sind, durchaus besser gehen könnte, wenn
sie vernünftiger leben würden.
Sind auch Infarktpatienten ohne Medikamente erfolgreich zu
behandeln?
Schwandt: Ja, das zeigt die angiographische Ornish-Study aus
Kalifornien. Herzinfarktpatienten nahmen an diesem sehr extremen Programm teil, in dem nur
über eine modifizierte Ernährung und veränderte Lebensweise versucht wurde, den
Fortgang der Krankheit zu bremsen oder sogar zu stoppen. Die Patienten bekamen nur 10% der
Nahrungsenergie als Fett, wobei der sog. P/S-Quotienten (= Verhältnis von mehrfach
ungesättigten Fettsäuren zu gesättigten) über 1 betrug. Sie erhielten weniger als 12
mg Cholesterin, durften nicht rauchen, bekamen Streß-Management-Training und übten
regelmäßig Sport aus. Nach einem Jahr zeigte sich koronarangiographisch ein Rückgang
der größeren Stenosen um 5,3%, während sie in der Kontrollgruppe um 2,7% zugenommen
hatten. Die Studienteilnehmer erlebten 91% weniger Angina-pectoris-Anfälle, die
Kontrollpatienten aber 165% mehr.
Funktioniert die Prävention auch weniger extrem?
Schwandt: In Heidelberg haben Schuler und Schlierf
ähnliches mit weniger extremen Maßnahmen durchgeführt. Ihre Ergebnisse sind
durchaus vergleichbar positiv.
Sind auch die Effekte einer Triglyceridsenkung belegt?
Schwandt: Die Helsinki-Heart-Study konnte zwar zeigen, daß
Patienten mit Hypertriglyceridämie am stärksten von einer Lipidsenkung profitieren,
nicht aber, warum. Bestimmt wird das Risiko zu hoher Triglyceridwerte durch den Quotienten
Gesamtcholesterin zu HDL-Cholesterin. Neben dieser Erkenntnis gilt es jedoch noch eine
ganze Reihe weiterer Mechanismen aufzudecken. Die kanadische DAIS- und die
australische FIELD-Studie gehen jetzt z.B. der Frage nach, ob man über eine
Triglyceridsenkung das hohe Arteriosklerose- und Infarktrisiko von Diabetikern senken
kann. In Israel wird derzeit ebenfalls untersucht, welche Effekte eine
Triglyceridsenkung bringen kann.
Redaktion der Stichwortsammlung "Bei Experten nachgefragt":
Maria Hacks, Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel GmbH, Hamburg
WEITERFÜHRENDE LITERATUR:
- Stichwortserie: Nahrungsfette und -öle, Hrsg.:
Margarine-Institut für gesunde Ernährung, 1996.
- Stichwortserie: Fett und Ernährung, Hrsg.: Margarine-Institut für
gesunde Ernährung, 1995.
- Schwandt, P., Richter, W.O.: Handbuch der Fettstoffwechselstörungen,
Schattauer Verlag, 1995.
- Richter, W. O., Schwandt, P.: Fettstoffwechsel, in: Klinische
Pathophysiologie, Hrsg.: Siegenthaler W., S. 131-156, 1994.
- 4 S Study, Lancet, 344, 1383-1389, 1994.
- WOSCOP-Study, New Engl. Journal of Medicine, 333, 1301-1307, 1995.
- CARE-Study, New Engl. Journal of Medicine, 335, 1001-1009, 1996.
|