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BEI EXPERTEN NACHGEFRAGT

Das Ei - eine Cholesterinbombe? - wer hat die besten Argumente?

UNSER EXPERTE: Prof. Dr. med. Peter Schwandt ist Leiter der Stoffwechselabteilung der Medizinischen Klinik II im Klinikum Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Vorstandsvorsitzender der Stiftung zur Atheroskleroseprävention und langjähriger Vorsitzender der Lipidliga.

 

Welche Funktionen übernimmt das Cholesterin im menschlichen Organismus?

Schwandt: Es ist lebensnotwendig für bestimmte Zellmembranfunktionen, für die Bildung von Steroidhormonen und Gallensäuren, von denen letztere zur Fettverdauung benötigt werden.

Sind wir auf die tägliche Zufuhr von Cholesterin angewiesen?

Schwandt: Der Mensch braucht eigentlich keine externe Cholesterinzufuhr, weil er es selbst bilden kann. Die körpereigene Cholesterinbildung läuft allerdings nur auf schwachen Touren, wenn man sehr cholesterinreiche Nahrung aufnimmt.

Funktioniert dieser Stoffwechselweg auch bei Säuglingen?

Schwandt: Neugeborene haben ganz niedrige Cholesterinspiegel. Erst durch die Muttermilch wird der Säugling mit Cholesterin und Fett versorgt, wodurch der Cholesteringehalt im Blut schnell ansteigt. Die körpereigene Synthese funktioniert von Anfang an, denn dazu ist jede Säugetierzelle in der Lage. Interessanterweise haben alle Lebewesen, die keine Arteriosklerose bekommen, ein LDL-Cholesterin von nur etwa 25 mg/dl. Mit diesem Wert wird der Mensch geboren, und das läßt darauf schließen, daß der Körper tatsächlich nur so wenig benötigt, und daß alle Besorgnis, man könne das LDL-Cholesterin medikamentös zu stark senken, unnötig ist.

Können niedrige Cholesterinspiegel aggressives Verhalten provozieren?

Schwandt: Diese Idee basiert auf einem Tierexperiment, in dem extrem hungrige Affen aggressiv wurden. Das werden hungernde Menschen auch, aber als Folge eines zu niedrigen Blutzuckers und nicht wegen zu niedriger Cholesterinspiegel. Auch die Hypothesen, daß zu niedriges Cholesterin eine Krebsgefahr darstellt oder die Menschen gewalttätig werden läßt, sind inzwischen durch neue Studien mit Sicherheit widerlegt: Niedrige Cholesterinspiegel senken dagegen eindeutig die Gesamtmortalität.

Könnten Krebspatienten von einer cholesterinreichen Kost profitieren?

Schwandt: Nein, dadurch würde der Tumor noch schneller wachsen. Es gibt aber in der Tat Überlegungen, LDL-Partikel mit Chemotherapeutika zu beladen, um so die Tumorzellen sehr gezielt anzugreifen. Da Tumorzellen eine über 1000fach höhere Affinität zum LDL haben als gesunde Zellen, wäre es phantastisch, wenn diese Therapie greifen würde.

Wieviel Cholesterin am Tag ist für den Menschen unschädlich?

Schwandt: Solche Richtwerte gibt es nicht, weil das Cholesterin sehr unterschiedlich resorbiert wird. Manche Menschen können problemlos täglich 10 Eier essen, also 3000 mg Cholesterin, während für andere bereits ein Ei am Tag zuviel ist. Diese individuelle Ansprechbarkeit auf die externe Zufuhr von Cholesterin läßt sich einfach testen: Zuerst bestimmt man einen Cholesterin-Ausgangswert, läßt den Patienten dann einige Tage sehr cholesterinreich essen und bestimmt das Cholesterin erneut. Neben dieser persönlichen Art, auf Cholesterin zu reagieren, spielt auch die verzehrte Menge gesättigter Fettsäuren eine Rolle: Je größer sie ist, desto mehr Cholesterin resorbiert der Organismus. Ißt man z.B. cholesterinreichen Hummer mit Butter, wird das Cholesterin besonders gut resorbiert. Verzichtet man auf die Zugabe von gesättigten Fetten, entschärft man die Cholesterinbombe bereits zum Teil.

Wie dramatisch ist ein Sündentag mit dem Verzehr von 6 oder 10 Eiern?

Schwandt: Wenn man sich ansonsten normal ernährt, bewirkt ein solcher Sündentag nur, daß der Gehalt an Triglyzeriden im Blut kurzfristig ansteigt, während der Cholesterinspiegel davon unberührt bleibt.

Was verbirgt sich hinter den Abkürzungen VLDL, LDL und HDL?

Schwandt: Das ist Neo-Latein und heißt very low density lipoproteins, low density lipoproteins und high density lipoproteins, also Fett-Eiweiß-Verbindungen sehr niedriger, niedriger und hoher Dichte. Im Organismus verbinden sich Fette (Lipide) mit Eiweiß (Proteine), um die sog. Lipoproteine zu bilden, die alle - in unterschiedlichen Mengen - Cholesterin, Triglyzeride, Phospholipide und Eiweiß enthalten. Sortiert nach ihrer Größe kommen erst die Chylomikronen, dann die VLDL, LDL und HDL.

Welche Cholesterin-Grenzwerte gelten?

Schwandt: Die Lipid-Liga hat sich inzwischen von allen Grenzwerten verabschiedet, denn entscheidend ist, die Risikoträchtigkeit des Cholesterins abzuwägen. Das geschieht auf zwei Wegen: 1. unterteilt man das Gesamtcholesterin, das allenfalls als Suchkriterium dient, in das gefährliche LDL und das schützende HDL. 2. schätzt man die Relation aller Risiken ab - Bluthochdruck, Übergewicht, familiäre Anamnese, Rauchen, Bewegungsmangel, Diabetes und Streß -, um daraus das individuelle Risiko ableiten zu können. Die sich so ergebenden Grenzwerte sind weltweit einheitlich.

Es gibt also keine Zahlen, an denen man sich grob orientieren könnte?

Schwandt: Doch. Existiert kein Risikofaktor, kann ein LDL-Cholesterin von 160 oder 180 mg/dl toleriert werden, liegen ein oder mehrere Risikofaktoren vor, gilt 135 mg/dl als Grenzwert, und bei einem Patienten, der bereits einen Herzinfarkt hinter sich hat, sollten 95 mg/dl nicht überschritten werden.

Welche Nahrungsfette belasten den Cholesterinspiegel am wenigsten?

Schwandt: Es sind Nahrungsfette wie beispielsweise pflanzliche Öle und Margarine mit einem hohen Gehalt an mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Wenig belastend für den Cholesterinspiegel ist natürlich auch der Verzehr von Geflügel und vor allem Fisch, der, wie in den Mittelmeerländern, häufiger auf dem Speisezettel stehen sollte.

Sollten alle fetthaltigen Lebensmittel exakt damit beschriftet sein, welche Fettsäuren und wieviel Cholesterin sie enthalten?

Schwandt: Theoretisch wäre es begrüßenswert, aber in den meisten Fällen würde es wohl mehr Verwirrung stiften als zur Aufklärung beitragen.

Welche sichtbaren Symptome sprechen für einen zu hohen Cholesterinspiegel?

Schwandt: Sichtbar sind Ablagerungen in der Haut, wie Xanthome oder Xanthelasmen, die sich meist bei Menschen zeigen, die von Geburt an eine Hypercholesterinämie haben und in aller Regel schlank sind. In aller Regel kann man aber erhöhte Cholesterinwerte weder sehen noch fühlen, und so stellen wir leider häufig erst rückblickend die Diagnose, wenn Komplikationen wie Herzinfarkt und Schlaganfall bereits eingetreten sind. Bei Übergewichtigen finden sich dagegen meist zu hohe Triglyzeridwerte mit einer begleitenden Hypercholesterinämie.

Wieviele Deutsche haben schätzungsweise zu hohe Cholesterinwerte?

Schwandt: Auf Grund unserer Bayerischen Cholesterin-Aktion mit über 200.000 Teilnehmern traue ich mich zu sagen, daß etwa ein Drittel zu hohe LDL-Cholesterinwerte aufweist. Gut behandelt werden sie allerdings bei weitem nicht alle. Von den Herzinfarkt-Patienten, der Gruppe mit dem höchsten Risiko also, sind es nicht einmal 20%. Nur etwa ein Zehntel der Betroffenen wußte von seinen zu hohen Cholesterinwerten, und von diesen wurde wiederum nur ein Zehntel optimal behandelt. Im Klartext: Nur 1% der Deutschen mit zu hohen Cholesterinwerten weiß Bescheid und wird gleichzeitig auch optimal behandelt.

Bestehen Risiko-Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Schwandt: Nur bis zur Menopause sind Frauen geschützter. Ansonsten sind die Risikofaktoren und die Pathogenese identisch. Frauen erleiden ihren Herzinfarkt eben nur etwa 15 Jahre später als Männer.

Wie häufig sollte man seine Cholesterinwerte bestimmen lassen?

Schwandt: Jeder sollte seine LDL- und HDL-Cholesterinwerte kennen. Sind sie normal, reicht eine Kontrolle alle 5 Jahre. Erhöhte Triglyzeride sollten häufiger kontrolliert werden, und unter einer cholesterinsenkenden Therapie sind ebenfalls häufigere Kontrollen notwendig.

Lassen sich Herzinfarkte allein durch Diät heilen?

Schwandt: Kaum, denn ein Herzinfarkt-Patient benötigt fast immer Medikamente, weil seine Cholesterinwerte so hoch sind, daß sie allein mit diätetischen Maßnahmen auf optimale Werte nicht zu senken sind.

Lipoproteine
enthalten
Eiweiß Cholesterin Triglyceride Phosphatide
VLDL
(= very low
density
lipoproteins)
7% 20% 55% 18%
LDL
(= low density
lipoproteins)
21% 47% 9% 23%
HDL
(= high density
lipoproteins)
47% 18% 7% 28%

Redaktion der Stichwortsammlung "Bei Experten nachgefragt":
Maria Hacks, Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel GmbH, Hamburg

WEITERFÜHRENDE LITERATUR:

  • Schwandt, P., Richter, W.O.: Handbuch der Fettstoffwechselstörungen, Schattauer Verlag, 1995.
  • Stichwortserie: Nahrungsfette und -öle, Hrsg.: Margarine-Institut für gesunde Ernährung, 1996.
  • Stichwortserie: Fett und Ernährung, Hrsg.: Margarine-Institut für gesunde Ernährung, 1995.
  • Richter W.O., Schwandt, P.: Fettstoffwechsel, in: Klinische Pathophysiologie, Hrsg.: Siegenthaler W., S. 131-156, 1994.
  • Fett in der Ernährung, Hrsg.: Lehrmittelverlag Wilhelm Hagemann und Margarine-Institut für gesunde Ernährung, 5. Auflage, 1991.
  • Rohwedder, D., Hacks, M.: Fett in der Ernährung, Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel, 1991.
  • Hacks, M., Rohwedder, D.: Therapie mit Messer und Gabel, Wissenschaftsverlag Welingsbüttel, 1994.