BEI EXPERTEN NACHGEFRAGT
Wie gefährlich sind trans-Fettsäuren? - auf die Menge
kommt es an
UNSER EXPERTE: Prof. Dr. Dr. Hans
Steinhart, Direktor des Instituts für Biochemie und Lebensmittelchemie der Universität
Hamburg, Direktor der Abteilung Lebensmittelchemie der Universität Hamburg und
geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Qualitätssicherung im
Lebensmittel-Einzelhandel.
Ungesättigte Fettsäuren treten in cis-
oder trans-Form auf - worin bestehen die Unterschiede?
Steinhart: Sie sind in der räumlichen Gestalt der
Moleküle begründet: Betrachtet man die Moleküle der beiden Fettsäurearten
dreidimensional, zeigen sich sehr unterschiedliche Strukturbilder. Die Doppelbindungen von
trans-Fettsäuren haben die Form eines Z, und daraus ergibt sich eine räumliche Struktur,
die der Zickzacknaht einer Nähmaschine ähnelt. Die Doppelbindungen von cis-Fettsäuren
sind dagegen wie ein U geformt, und daraus folgt, daß die Fettsäurekette an diesen
Stellen sozusagen in verschiedene Richtungen abbiegen kann. Dadurch entstehen völlig
andere Molekülstrukturen als bei den langgestreckten trans-Fettsäuren.
Spielt auch die Kettenlänge eine Rolle für die Unterschiede?
Steinhart: Nein, denn die unterschiedlichen Eigenschaften leiten
sich nur von der räumlichen Struktur ab.
Haben trans-Fettsäuren stabilere Doppelbindungen als die cis-Form
oder ist es umgekehrt?
Steinhart:Diese Unterschiede sind geringfügig. Eine Umwandlung
von cis- in trans-Fettsäuren erfolgt erst in einem Temperaturbereich von über
120o C, und zwar erzeugt im Vacuum und über
längere Zeit. Aber auch dann findet der Umwandlungsprozeß nicht vollständig
statt, denn ein gewisser Rest an cis-Fettsäuren bleibt immer erhalten. Ist aus
einer cis-Fettsäure jedoch eine trans-Fettsäure entstanden, kann dieser Prozeß
nicht wieder rückgängig gemacht werden, zumindest nicht im Lebensmittelbereich.
Neben großer Hitze können auch gewisse Enzyme (Isomerasen) des menschlichen
und tierischen Stoffwechsels cis- in trans-Fettsäuren umwandeln. Werden Fette
im Organismus abgebaut - man nennt dies b-Oxidation
- kommt es in einem der letzten Prozeßschritte (Isomerisierung) zur Umwandlung
von cis- in trans-Fettsäuren. Bei den so entstehenden trans-Fettsäuren handelt
es sich um reine Übergangsprodukte des Stoffwechsels, die nicht stabil sind
und sofort weiter abgebaut werden.
Auch im Pansen von Wiederkäuern entstehen trans-Fettsäuren...
Steinhart: ...ja, aber das bewirken mikrobielle Isomerasen, die im
Rahmen des Stoffwechsels trans-Fettsäuren und gemischte cis-trans-Fettsäuren
produzieren. Diese trans-Fettsäuren entstehen nicht aus cis-Fettsäuren, sondern werden
im "Bioreaktor Pansen" synthetisiert.
Können auch Pflanzen trans-Fettsäuren bilden?
Steinhart: Auch Pflanzen können, allerdings nur in äußerst
geringen Konzentrationen, trans-Fettsäuren enthalten. Dies trifft z.B. auf Porree,
Erbsen, Spinat und Kopfsalat zu. Pflanzliche Nahrungsfette und -öle enthalten aber
ausschließlich cis-Fettsäuren.
Werden spezielle mehrfach ungesättigte cis-Fettsäuren, z.B. die
Linolsäure, bevorzugt in trans-Fettsäuren umgewandelt?
Steinhart: Nein. Man kann höchstens sagen, daß mehrfach
ungesättigte cis-Fettsäuren etwas leichter in die trans-Form umgewandelt werden als
einfach ungesättigte.
Konkurrieren cis- und trans-Fettsäuren im menschlichen Organismus?
Steinhart: Im Rahmen der b-Oxidation, also beim Abbau der
Fettsäuren, herrscht keine Konkurrenz zwischen den Fettsäurearten. Eine
Konkurrenzsituation wird erst aktuell, wenn ein Überangebot an trans-Fettsäuren
vorhanden ist, weil die Fettsäuren dann nicht schnell genug abgebaut werden können und
gespeichert werden müssen. Dann konkurrieren allerdings nicht cis- und trans-Fettsäuren
miteinander, sondern gesättigte und trans-Fettsäuren. Dient z.B. das Unterhautfettgewebe
als Speicher, spielt die räumliche Struktur der Fettsäuremoleküle noch keine Rolle,
sondern erst, wenn es um den Einbau in Zellmembranen geht. Trans-Fettsäuren ersetzen bei
der Biosynthese von Membranen gesättigte Fettsäuren, die von der Struktur her fast
identisch sind und auch über sehr ähnliche Wirkungen verfügen.
Gibt es Probleme, wenn gesättigte Fettsäuren in der Zellmembran
durch die trans-Form verdrängt werden?
Steinhart: Das Problem basiert auf einer geometrischen Störung,
denn die Doppelbindungen der trans-Fettsäuren sind ein wenig kürzer als die
Einfachbindungen der gesättigten Fettsäuren. Das kann sich unter Umständen beim Einbau
in die streng vorgegebene Struktur der Zellmembranen negativ auswirken.
Erhöhen trans-Fettsäuren das LDL-Cholesterin stärker als
gesättigte Fettsäuren?
Steinhart: Nein, denn in diesem Zusammenhang muß man gesättigte
und trans-Fettsäuren als Einheit betrachten. Man geht heute davon aus, daß sich
trans-Fettsäuren auch hinsichtlich der LDL- und VLDL-Synthese ähnlich verhalten wie
gesättigte Fettsäuren, und zwar wegen ihrer so ähnlichen räumlichen Molekülstruktur.
Steigt das Arteriosklerose-Risiko durch eine hohe Zufuhr an
trans-Fettsäuren?
Steinhart: Schon, aber erst ab einer gewissen Menge. Meiner Meinung
nach birgt die Aufnahme von trans-Fettsäuren bis zu einem Limit von 5% überhaupt kein
Risiko für die menschliche Gesundheit. Trans-Fettsäuren werden in entsprechend geringer
Menge im Pansen von Wiederkäuern gebildet, und sind daher in allen Produkten dieser Tiere
enthalten. Seit Jahrtausenden ißt der Mensch Milch- und Fleischprodukte, und ich kann mir
nur schwer vorstellen, daß dies gefährlich sein soll, zumal diese geringen Mengen
vollständig abgebaut und nicht gespeichert werden. Beweisen läßt sich dies zwar nicht,
aber wenn man als Analogieschluß den seit Jahrtausenden praktizierten Verzehr von
trans-fettsäurehaltigen Wiederkäuerprodukten gelten läßt, können 5% trans-Fettsäuren
in der Nahrung kein Gefahrenspotential darstellen.
Woran lag es, daß amerikanische Lebensmittel in der Vergangenheit
relativ hohe Gehalte an trans-Fettsäuren aufwiesen?
Steinhart: In der Vergangenheit und zum Teil auch heute noch
spielen teilgehärtete Fette und Öle in den USA eine viel größere Rolle als bei uns.
Beim industriellen Prozeß der Härtung pflanzlicher Fette und Öle entstehen ja aus den
cis- die trans-Fettsäuren. Im Durchschnitt weisen die amerikanischen Nahrungsfette heute
einen trans-Fettsäuregehalt von 7-8% auf, während dieser Prozentsatz in Deutschland nur
noch bei ca. 2 liegt.
Ist im Hinblick auf gesundheitliche Risiken nicht die Summe aus
gesättigten plus trans-Fettsäuren entscheidender als die Menge der trans-Fettsäuren
allein?
Steinhart: Ja, denn die Summe von gesättigten und
trans-Fettsäuren sollte man, da sie in ihrer Wirkung sehr ähnlich einzustufen sind, als
Einheit betrachten. Außerdem hat sich gezeigt, daß die Summe aus gesättigten und
trans-Fettsäuren in den meisten Lebensmitteln konstant ist, während die Einzelanteile
stark schwanken. Der trans-Fettsäuregehalt variiert z.B. im Fett einiger
Knabbergebäcksorten zwischen 1 und 30% bei gleichzeitig konstant bleibender Summe aus
gesättigten und trans-Fettsäuren.
Was ist an den trans-Fettsäuren nun wirklich gefährlich?
Steinhart: Ein wesentlicher Punkt ist, daß eine hohe Zufuhr an
gesättigten plus trans-Fettsäuren das Arteriosklerose- und KHK-Risiko erhöht.
Nicht weniger erheblich ist: Die Menge machts. Beträgt die
trans-Fettsäure-Aufnahme nicht mehr als 5% der gesamten Fettzufuhr, besteht für die
Gesundheit keine Gefahr. Diätmargarine enthält überhaupt keine trans-Fettsäuren, und
die meisten anderen Margarinesorten haben heute einen trans-Fettsäuregehalt von weniger
als 2%. Nur Sorten, die aus einem einzigen Pflanzenöl hergestellt werden, weisen etwas
höhere Gehalte von 4-5% auf, die denen der Butter entsprechen.
Warum haben Margarinesorten, die nur ein bestimmtes Pflanzenöl
enthalten, einen höheren trans-Fettsäuregehalt?
Steinhart: Ein Beispiel: Sonnenblumenmargarine muß zu 97% aus
Sonnenblumenöl bestehen. Um eine streichfähige Margarine herzustellen, muß zunächst
ein Teil des Öls durchgehärtet werden. Dabei entstehen keine trans-Fettsäuren - nur der
Anteil gesättigter Fettsäuren erhöht sich. Da die Mischung aus durchgehärtetem und
flüssigem Öl keine optimale Konsistenz ergibt, muß noch ein kleiner Teil des
Sonnenblumenöls teilgehärtet werden. Nur dieses teilgehärtete Öl enthält
trans-Fettsäuren. Den Margarineherstellern ist es inzwischen gelungen, diesen
trans-Fettsäuregehalt im Vergleich zu früher um mehr als die Hälfte zu senken.
Redaktion der Stichwortsammlung "Bei Experten nachgefragt":
Maria Hacks und Corinna Luerweg, Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel GmbH, Hamburg
WEITERFÜHRENDE LITERATUR:
- Stichwortserie: Nahrungsfette und -öle, Hrsg.: Margarine-Institut für
gesunde Ernährung, 1996.
- Fritsche, J., Steinhart, H.:"Contents of trans fatty acids (TFA)
in German foods and estimation of daily intake", Fett/Lipid, 99, 9, 314-318, VCH
Verlagsgesellschaft, Weinheim, 1997.
- Stichwortserie: Fett und Ernährung, Hrsg.: Margarine-Institut für
gesunde Ernährung, 1995.
- Fritsche, J., Steinhart, H.: "Trans fatty acid
content in German margarines", Fett/Lipid, 99, 6, 214-217, VCH Verlagsgesellschaft,
Weinheim, 1997.
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