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BEI EXPERTEN NACHGEFRAGT

Omega-3- contra Omega-6-Fettsäuren - wo sie sich verstecken und was sie bewirken

UNSER EXPERTE: Dr. med. Federico Tatò, Medizinische Poliklinik der Universität München.

 

Welche Arten von Fettsäuren verbergen sich hinter den Begriffen "mehrfach ungesättigt", "Omega-6-" oder "n-3"?

Tatò: Alle mehrfach ungesättigten Fettsäuren verfügen in ihrer mehr oder minder langen Kette von Kohlenstoffatomen über mindestens zwei Doppelbindungen. Die Begriffe Omega und w- sind austauschbar. Die jeweils nachfolgende Ziffer bezieht sich auf die Position der ersten Doppelbindung vom Methylende der Fettsäure aus gesehen. Die erste Doppelbindung einer Omega-6- bzw. einer w-6-Fettsäure ist also 6 Kohlenstoffatome vom Methylende entfernt. Entsprechendes gilt für die Omega-3-Fettsäuren. Diese Einteilung ist auch physiologisch sinnvoll, weil Säugetiere weder Omega-3-Fettsäuren in Omega-6-Fettsäuren umwandeln können, noch Omega-6- in Omega-3-Fettsäuren. Der menschliche Körper ist auch nicht fähig, Omega-3- oder Omega-6-Fettsäuren in Eigensynthese herzustellen - sie müssen über die Nahrung aufgenommen werden.

Kann der Mensch aus einer zweifach ungesättigten Fettsäure selbst eine drei- oder vierfach ungesättigte bilden?

Tatò: Ja, und zwar sowohl aus Omega-6- wie auch aus Omega-3-Fettsäuren. Um dies zu bewirken, fügt der menschliche Organismus weitere Doppelbindungen in die Fettsäurekette ein, allerdings nicht zwischen der ersten Doppelbindung und dem Methylende, sondern nur hinter der ersten Doppelbindung in Richtung Carboxylende. Werden also in eine w-3-Fettsäure weitere Doppelbindungen eingefügt, bleibt sie unverändert als w-3-Fettsäure definiert.

Welche Aufgaben erfüllen mehrfach ungesättigte Fettsäuren?

Tatò: Fettsäuren, und besonders die mehrfach ungesättigten, übernehmen im Körper sehr vielfältige Aufgaben. Zum Teil werden sie ganz einfach als Nährstoffe genutzt und zu Energie abgebaut. Zum anderen sind die mehrfach ungesättigten Fettsäuren aber auch Bestandteile der Membranen, in denen sie sehr wichtige Funktionen ausüben. Außerdem dienen sie anderen Substanzen als Bausteine, insbesondere den Prostaglandinen und Leukotrienen. Diese Substanzen verfügen im Organismus sozusagen über Signalcharakter und steuern viele Funktionen. Gerade in dieser Hinsicht unterscheiden sich die Omega-3-Fettsäuren deutlich von den Omega-6-Fettsäuren, weil die aus ihnen entstehenden Produkte sehr unterschiedliche Effekte entfalten.

Machen sich die Fettsäuren auch gegenseitig Konkurrenz?

Tatò: Ja, sie konkurrieren z.B. in Bezug auf die Enzyme, die im Prostaglandinstoffwechsel eine Rolle spielen: Es sind die gleichen Enzyme, die sowohl Omega-3- als auch Omega-6-Fettsäuren umwandeln. Wird von der einen Fettsäureart mit der Nahrung mehr zugeführt als von der anderen, wirkt sich dies auf die Produktion der jeweiligen Stoffwechselprodukte aus. Auch bezüglich der Wirkung herrscht Konkurrenz, da die entstehenden Produkte unterschiedlich stark, teilweise auch gegensätzlich wirken. Ein gutes Beispiel sind hierfür die Prostaglandine, die bei der Entstehung der Arteriosklerose über Blutgerinnung und Gefäßwandverengung eine wichtige Rolle spielen. Beispielsweise regt das aus Omega-6-Fettsäuren entstehende Thromboxan A2 die Blutplättchen stark an, fördert damit die Blutgerinnung und übt zusätzlich eine verengende Wirkung auf die Gefäßwände aus. Dagegen entfaltet Thromboxan A3, das vom gleichen Enzym aus Omega-3-Fettsäuren gebildet wird, eine viel schwächere Wirkung.

Welcher Effekt ist günstiger?

Tatò: In diesem speziellen Fall ist die schwächere Wirkung des Thromboxan A3 sicher günstiger, da weder eine überschießende Blutgerinnung noch eine starke Verengung der Gefäßwände erwünscht ist.

Ist ein Zuviel an Omega-6-Fettsäuren kritisch zu bewerten?

Tatò: So einfach läßt sich das nicht beantworten, da aus Omega-6-Fettsäuren nicht nur Thromboxan A2 gebildet wird, sondern auch Prostaglandine, die gerinnungshemmend wirken. Die meisten Studien deuten darauf hin, daß auch ein hoher Konsum von Omega-6-Fettsäuren weder das Gleichgewicht zwischen der Blutgerinnungshemmung und -förderung ins Wanken bringt, noch das zwischen Gefäßverengung und -erweiterung. Dagegen führen Omega-3-Fettsäuren zu einer Blutgerinnungshemmung und Gefäßerweiterung. Dies könnte in bestimmten Situationen positiv sein.

Was geschieht, wenn die Nahrung keine Omega-6-Fettsäuren enthält?

Tatò: Der menschliche Organismus benötigt diese Fettsäuren, und weil er sie nicht selbst bilden kann, handelt es sich um essentielle Fettsäuren. Enthält die Nahrung gar keine Omega-6-Fettsäuren, kann es zu vielseitigen Mangelerscheinungen kommen, die das Nervensystem, das Wachstum und die Haut betreffen. Der Bedarf an Omega-6-Fettsäuren ist aber so gering, daß eine ganz normale Ernährung immer ausreicht, um derartige Mangelzustände zu vermeiden. Probleme können auftreten, wenn beispielsweise eine künstliche Ernährung keine essentiellen Fettsäuren enthält, oder wenn bei Kleinkindern, die noch schnell wachsen, die Fettaufnahme gestört ist.

Welche Omega-3-Fettsäure ist der wichtigste Vertreter dieser Gruppe?

Tatò: Bei den Omega-3-Fettsäuren muß man klar unterscheiden zwischen der dreifach ungesättigten a-Linolensäure mit 18 C-Atomen und den längerkettigen und höher ungesättigten Fettsäuren - vor allem der Docosahexaensäure und der Eicosapentaensäure. Diese drei Fettsäuren sollte man sich aus der Gruppe der Omega-3-Fettsäuren merken. Eicosapentaen- und Docosahexaensäure sind etwa zehnmal so wirksam wie die a-Linolensäure. Unser Organismus kann Fettsäuren zwar verlängern und weitere Doppelbindungen in sie einfügen, aber mit Omega-6-Fettsäuren gelingt dies viel besser als mit Omega-3-Fettsäuren. Verzehrt man ausreichend Linolsäure (w-6-Fettsäure), muß die Nahrung keine höher ungesättigten Fettsäuren der Omega-6 Reihe enthalten. Dagegen reicht die Aufnahme von a-Linolensäure häufig nicht aus, um die längerkettigen und höher ungesättigten Omega-3-Fettsäuren zu bilden. Für den Menschen ist es daher wichtig, neben der a-Linolensäure auch die langkettigen und höher ungesättigten Omega-3-Fettsäuren durch den Verzehr von Fisch zu sich zu nehmen.

Welche günstigen Effekte entfalten die Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren?

Tatò: Das Wichtigste ist der cholesterinsenkende Effekt der Omega-6-Fettsäuren. Es ist gut belegt, daß sie vor allem das LDL-Cholesterin senken, und deshalb sollten alle Patienten mit erhöhten Werten darauf achten, daß sie genügend Linolsäure aufnehmen. Anders sieht die Situation bei den w-3-Fettsäuren aus. Sie beeinflussen das LDL-Cholesterin nur wenig, senken aber die Triglyceride sehr wirksam. Menschen mit erhöhten Triglyceridwerten profitieren daher von einer Ernährung, die reich an Omega-3-Fettsäuren ist. Daneben üben die Omega-3-Fettsäuren auch einen günstigen Effekt auf das Blutgerinnungssystem und den Blutdruck aus. Man nimmt heute an, daß gerade diese kombinierte Wirkung das Arterioskleroserisiko senkt.

Sind Vegetarier besser mit Linol- und a-Linolensäure versorgt als Menschen, die sich gemischt ernähren?

Tatò: Nicht unbedingt. Die Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren werden zwar ursprünglich nur von Pflanzen gebildet, aber sie reichern sich im Laufe der Nahrungskette im tierischen und menschlichen Fettgewebe an. Für den Menschen sind Fische eine bessere Quelle für langkettige Omega-3-Fettsäuren als Pflanzenfette, denn diese Fettsäuren werden in erster Linie im Plankton gebildet, das Fischen als Nahrung dient. Alle grünen Pflanzen bilden in ihren Blättern zwar auch Omega-3-Fettsäuren, aber die Blätter sind relativ fettarm. Pflanzliche Fette gewinnt man überwiegend aus Samen und Keimlingen, und bei den in ihnen enthaltenen mehrfach ungesättigten Fettsäuren handelt es sich überwiegend um Omega-6-Fettsäuren. Eine Ausnahme bilden Soja, Raps- und Leinöl, die zwar viel a-Linolensäure enthalten, aber keine langkettigen Omega-3-Fettsäuren wie die Seefische.

Welchen Stellenwert sollten die mehrfach ungesättigten Fettsäuren in einer gesunden Ernährung haben?

Tatò: Vom gesamten Fettverzehr sollten etwa 10% auf Linolsäure entfallen. Dies gilt vor allem für die Menschen, deren LDL-Cholesterinwert erhöht ist. Sehr wichtig ist aber auch, daß generell weniger gesättigte Fette gegessen werden. Dies gelingt am ehesten, wenn man Fette tierischer Herkunft, die überwiegend gesättigt sind, gegen einfach ungesättigte austauscht und dabei die mehrfach ungesättigten Fettsäuren nicht vernachlässigt.


Redaktion der Stichwortsammlung "Bei Experten nachgefragt":
Maria Hacks, Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel GmbH, Hamburg

 

WEITERFÜHRENDE LITERATUR:

  • Stichwortserie: Nahrungsfette und -öle, Hrsg.: Margarine-Institut für gesunde Ernährung, 1996.
  • Stichwortserie: Fett und Ernährung, Hrsg.: Margarine-Institut für gesunde Ernährung, 1995.
  • Zöllner, N., Tatò, F.: Fatty acid composition of the diet: impact on serum lipids and atherosclerosis, Clin. Investig. 70:968-1009, 1992.
  • Tatò, F., Keller, C., Wolfram, G.: Effects of fish oil concentrate on lipoproteins and apolipoproteins in familiar combined hyperlipidemia, Clin. Inverstig. 71:314-318, 1993.
  • Tatò, F.: Stoffwechselwirkungen vom Omega-3-Fettsäuren, Fat Sci. Technol. , 95, pp. 452-455, 1993.
  • Fett in der Ernährung, Hrsg.: Lehrmittelverlag Wilhelm Hagemann und Margarine-Institut für gesunde Ernährung, 5. Auflage, 1991.