BEI EXPERTEN NACHGEFRAGT
Die Dosis macht das Gift - traurige Studienergebnisse
UNSER EXPERTE: Dr. Ingo Witte, ehemaliger
Geschäftsführer des Margarine-Instituts für gesunde Ernährung in Hamburg und
Fachgruppenleiter der Deutschen Gesellschaft für Fettwissenschaft (DGF).
Worauf stützen sich die Empfehlungen der Deutschen
Gesellschaft für Ernährung, der DGE?
Witte: Sie entsprechen den Veröffentlichungen der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) über gesunde Ernährung und Lebensweise. Die
WHO-Empfehlungen sind nicht nur für die DGE eine Basis ihrer Empfehlungen, sondern sie
gelten weltweit. Speziell zum Thema "Fett und Ernährung" hat 1995 eine
Expertenkommission von WHO und FAO (Food and Agriculture Organisation) einen Bericht
erarbeitet und publiziert.
Welche Studien dienen als Basis für die Gesundheitsratschläge
dieser Expertenkommission?
Witte: Alle wesentlichen wissenschaftlichen Studien wurden
diskutiert, aber auch die im Alltag gesammelten Erfahrungen. In der von WHO und den
Vereinten Nationen ins Leben gerufenen Kommission waren sehr viele international bekannte
Wissenschaftler und Mediziner sowie Fachleute aus der Industrie vertreten.
Wann tagt die Kommission erneut?
Witte: Ein so aufwendiger Erfahrungsaustausch muß nicht alle 5
Jahre stattfinden, zumal die Wirkung der Fettsäuren, und das ist das Entscheidende,
bekannt ist. Werden heute neue Ergebnisse publiziert, handelt es sich nur um leichte
Differenzierungen des generellen Wissens, so daß sich ohnehin nicht viel an den jetzigen
Empfehlungen än-dern würde. Eine sicher wichtige Frage der Zukunft ist das empfohlene
Verhältnis von w-6 zu w-3-Fettsäuren.
Haben sich die WHO-Empfehlungen jetzt verändert?
Witte: In gewisser Weise schon. Es geht vor allem um die
Realisierung der sog. Dreierregel. Seit mehr als 10 Jahren empfiehlt die WHO, daß
von der gesamten Energiezufuhr nur ca. 30% auf Fett entfallen sollen. Dieses Fett, so sagt
die Dreierregel, sollte zu je einem Drittel gesättigte, einfach ungesättigte und
mehrfach ungesättigte Fettsäuren enthalten. Seit 1995 heißt es nun, daß in Ländern,
in denen sehr viel gesättigte Fette gegessen werden, streng darauf zu achten ist, daß
auch das Drittel an mehrfach ungesättigten Fettsäuren nicht zu kurz kommt. In Ländern
aber, in denen man relativ wenig gesättigte Fette verzehrt, läßt sich die Dreierregel
etwas lockerer handhaben. Das heißt, in Deutschland sollte die Dreierregel sehr viel
strenger beachtet werden als z.B. in den Ländern rund um das Mittelmeer. Abgesehen von
der etwas modifizierten Dreierregel lauten die Ratschläge von Experten auch, nicht mehr
als 4-5 g trans-Fettsäuren pro Tag zu verzehren, und daran halten wir uns in Deutschland
im Durchschnitt auch.
Gilt die Dreierregel ohne Wenn und Aber?
Witte: Manchmal liest man die Empfehlung: Höchstens ein Drittel
gesättigte, mindestens ein Drittel einfach ungesättigte und höchstens ein Drittel
mehrfach ungesättigte Fettsäuren. Bei dem "höchstens ein Drittel" für
mehrfach ungesättigte Fettsäuren geht man von der Annahme aus, daß sie nicht nur das
LDL-Cholesterin senken, sondern auch das HDL-Cholesterin. Professor Heyden hat aber
gezeigt (siehe weiterführende Literatur), daß dies nur für einen extrem hohen Verzehr
an mehrfach ungesättigten Fettsäuren gilt. Die Mengen mehrfach ungesättigter
Fettsäuren, die wir üblicherweise aufnehmen, senken das HDL-Cholesterin nicht. Im
Gegenteil: Wir sollten, und das wird immer wieder gefordert, in Deutschland mehr mehrfach
ungesättigte Fettsäuren aufnehmen. Diese Forderung ist deshalb gerechtfertigt, weil wir
von einer Aufnahme mehrfach ungesättigter Fettsäuren, die "höchstens ein
Drittel" der gesamten Fettsäurezufuhr beträgt, ohnehin noch weit entfernt sind.
Gibt es Neues zum gesamten Fettverzehr?
Witte: Der Ratschlag ist nicht neu, aber mit Blick auf unsere
Ernährungsgewohnheiten fast noch wichtiger als die Dreierregel: Generell weniger Fett!
Und auf den reduzierten Fettverzehr sollte die Dreierregel angewendet werden. In
diesem Zusammenhang belegen die Daten der deutschen Nationalen Verzehrsstudie und der
VERA-Studie, daß Soll und Ist in unserer Ernährung bei weitem nicht deckungsgleich sind.
(Tab. 2).
Tägliche
Aufnahme (Männer) von
versteckten und
sichtbaren Nahrungsfetten
versteckten und
sichtbaren Nachrungsfetten
|
| Fleisch- und Wurstwaren* |
26,9 g |
Margarine, Öle und Fette
Butter** |
19,4 g
17,1 g |
| Milch- und Milchprodukte** |
16,0 g |
| Fleisch* |
13,2 g |
| Brot- und Backwaren |
10,2 g |
| Eier |
4,2 g |
| Süßwaren |
3,7 g |
| Sonstiges (Gemüse, Obst, Nüsse) |
3,7 g |
| Fisch- und Fischwaren |
1,4 g |
| Nährmittel |
1,4 g |
| Summe |
117,2 g |
Quelle: VERA-Studie * überwiegend Rind/Schwein
**Milchfett
Tab. 1
Welche Erkenntnisse konnte die DGE aus der Nationalen Verzehrsstudie gewinnen?
Witte: In den 80er Jahren wurde das Ernährungsverhalten in den alten
Bundesländern erfaßt, es wurden also sog. Ist-Daten erhoben, die belegen, daß in
Deutschland nach wie vor zu fett gegessen wird. Den Soll-Ist-Vergleich nutzt die
DGE z.B. für ihre Aussage, daß der Fettverzehr erwachsener Männer pro Tag bei 80
g liegen sollte und nicht wie praktiziert bei 117 g (Tab. 1). Auch die Dreierregel wird
nicht eingehalten: Statt der empfohlenen 33 werden 47% gesättigte Fettsäuren von
Männern wie Frauen verzehrt. Von den einfach ungesättigten Fettsäuren entfallen nicht
33, sondern 39% auf die Gesamtfettmenge - hier stimmt die neue Empfehlung "es könne
ruhig etwas mehr sein" bereits. Die mehrfach ungesättigten Fettsäuren aber, deren
Anteil ja auch 33% betragen sollte, sind mit max. 14% weit unterrepräsentiert. Der
Verzehr an mehrfach ungesättigten Fettsäuren sollte sich also auf Kosten der
gesättigten Fettsäuren verdoppeln. Pro Tag sollten 10 g Linolsäure verzehrt
werden - dies erreicht das Gros der Bevölkerung ebenso wie das erwünschte 1 g Linolensäure
(Tab. 2). Die Schwachpunkte unserer Ernährung liegen also vor allem an dem zu hohen
Fettverzehr und am Mißverhältnis zwischen gesättigten und mehrfach ungesättigten
Fettsäuren. Warum die Dreierregel nicht eingehalten wird, zeigte die VERA-Studie (Tab.
1): Den überwiegenden Teil des Gesamtfettes beziehen wir aus Milchfett (Butter,
Käse, Sahne, etc.) in verschiedenen Fettstufen, sowie aus Schweine- und Rinderfett
(auch Wurst und Fleisch stammen überwiegend von Schwein oder Rind) - und diese Fette
enthalten mehr als ein Drittel gesättigte Fettsäuren. Es sollten mehr Produkte gegessen
werden, die weniger gesättigte und dafür höhere Anteile an mehrfach ungesättigten
Fettsäuren enthalten wie Geflügel, Fisch, Pflanzenöl oder linolsäurereiche Margarine.
Hat sich das Soll-Ist-Verhalten inzwischen verbessert?
Witte: Sieht man sich neuere Erhebungen an, hat sich der Verbrauch
an Speiseöl, an Geflügel und Fisch, aber auch an Käse erhöht. Aber was bedeuten 19%
mehr Fischverzehr bei Männern, wenn von den 117 g Fett, die sie im Durchschnitt täglich
essen, nur 1,4 g aus Fisch stammen? Aus 1,4 g sind 1,7 g geworden. Aber die Richtung
stimmt.
Was halten Sie von einer individuellen Ernährungsberatung?
Witte: Davon halte ich sehr viel, weil durch sie das Thema
Ernährung bewußt zu werden beginnt. Dadurch fangen auch andere Faktoren an, dem
Einzelnen bewußt zu werden: Man raucht beispielsweise weniger oder hört damit ganz auf
und bewegt sich mehr. Reduziert man z.B. seinen Fettkonsum bewußt und betreibt
gleichzeitig mehr Sport, wodurch ja mehr Fett verbrannt wird, hat man einen doppelten
Effekt.
Bei wem lohnt sich Prävention in Sachen gesunde Ernährung?
Witte: Wirklich lohnend ist es, wenn man bei den Kindern beginnt und natürlich
die Mütter einbezieht. Das Eßverhalten wird bis zum 12. Lebensjahr geprägt. Lernt ein
Kind in diesen Jahren, fetten Schweinebraten zu mögen, wird es ein Leben lang gern
Schweinebraten essen. Unser Dilemma ist, daß die Eltern dank ihres Wohlstands gelernt
haben, daß ihnen all das gut schmeckt, was viel Fett enthält. Von den fettreichen
Lebensmitteln wird man satt, so daß Gemüse und Obst seltener verzehrt werden. Dieses
Ernährungsverhalten übertragen Eltern natürlich auf ihre Kinder und prägen damit
lebenslange Eßgewohnheiten. Deshalb muß in dieser Altersklasse Prävention und Umdenken
stattfinden. Es geht um das Einsparen von Fett und einen Mehrverzehr von Kohlenhydraten
und Ballaststoffen. Dieser Lernprozeß funktioniert nur über erlerntes Wissen. Man muß
begreifen, daß Obst und Gemüse wirklich gegessen werden müssen. In diesem Sinne führen
die Amerikaner jetzt die Kampagne "five a day" durch: 5 Portionen Obst
oder Gemüse pro Tag.
VERA-Studie Mittlere tägliche Nahrungsaufnahme im Westen
Deutschlands
im Vergleich zu den DGE-Empfehlungen
| Fettsäuren |
Männer |
Frauen |
DGE |
| Fett in g |
117,2 |
92,0 |
Frauen: 60,0
Männer: 80,0 |
| davon gesättigte |
47,0% |
47,0% |
33,3% |
| einfach ungesättigte |
39,0% |
39,0% |
33,3% |
| mehrfach ungesättigte |
14,0% |
14,0% |
33,3% |
| Linolsäure in g |
12,1 |
9,8 |
10,0 |
| Linolensäure in g |
1,8 |
1,5 |
1,0 |
|
Redaktion der Stichwortsammlung "Bei Experten nachgefragt":
Maria Hacks und Corinna Luerweg, Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel GmbH, Hamburg
WEITERFÜHRENDE LITERATUR:
- Bauernfried, K., Widhalm, K.: "Gemeinsame
WHO- und FAO-Erklärung: Fette und Öle in der menschlichen Ernährung",
Ernährung/Nutrition, 19, 11,1995.
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V.: "Empfehlungen
für die Nährstoffzufuhr", Umschau-Verlag Frankfurt, 5. Aufl., 1991.
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V.: "Ernährungsbericht
1996", Frankfurt, 1996.
- "Kids Verbraucher Analyse 96", Bastei-Verlag Gustav Lübbe,
Bergisch-Gladbach, Axel Springer Verlag, Hamburg, 1996.
- "Nationale Verzehrsstudie", Verlag für neue Wissenschaft
GmbH, Bremerhaven, 1991.
- VERA-Schriftenreihe: "Lebensmittel- und Nährstoffaufnahme in der
BRD (1985-1989)", Band XII, Wissenschaftlicher Fachverlag, Nieder-kleen, 1994.
- Heyden, S., Wiesemann, A.: "Mehrfach ungesättigte und einfach
ungesättigte Fettsäuren aus medizinischer Sicht", Ernährung/Nutrition, 20, 6,
1996.
- Margarine-Institut für gesunde Ernährung (Hrsg.):
"Gesund und fit - Die Rolle der Fette in unserer Ernährung", Hamburg, 1997.
|