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BEI EXPERTEN NACHGEFRAGT

Oliven- contra Sonnenblumenöl - die bunte Palette der Pflanzenöle

UNSER EXPERTE: Dr. Ingo Witte, ehemaliger Geschäftsführer des Margarine-Instituts für gesunde Ernährung in Hamburg und Fachgruppenleiter der Deutschen Gesellschaft für Fettwissenschaft e.V. (DGF).

 

Wie entstehen die verschiedenen Fettsäuren in der Pflanze?

Dr. Witte: Dabei handelt es sich um einen recht komplizierten chemischen Prozeß, bei dem das Sonnenlicht als Energiespender fungiert. Mittels Photosynthese bildet die Pflanze aus Wasser und dem Kohlendioxid der Luft Zucker, der zum Teil durch Dissimilation zur Energiegewinnung letztlich in Fett umgebaut wird. Für die Variationsbreite der verschiedenen Fettsäurespektren sind eine Reihe unterschiedlichster Faktoren verantwortlich.

Haben Fruchtfleischöle ein grundsätzlich anderes Fettsäurespektrum als Samenfette?

Dr. Witte: Alle Öle und Fette sind unterschiedlich aufgebaut. Ein gutes Beispiel dafür ist die Ölpalme. Sie ist eine Pflanze, aus der Fruchtfleischöl und Samenfett gewonnen wird: Palmöl und Palmkernfett, deren Fettsäurespektren sich erheblich voneinander unterscheiden. Aber auch die beiden für die menschliche Nahrung geeigneten Fruchtfleischöle, das Olivenöl und das Palmöl, haben kein annähernd identisches Fettsäuremuster. Olivenöl besteht überwiegend aus der einfach ungesättigten Ölsäure, während Palmöl relativ viel gesättigte Fettsäuren enthält. Bei seiner Gewinnung in tropisch warmen Regionen ist Palmöl zwar noch flüssig, wird aber in unseren kälteren Breiten wegen seines relativ hohen Anteils an gesättigten Fettsäuren zum festen Fett.

Läßt sich das Fettsäuremuster mit bloßem Auge an der Konsistenz ablesen?

Dr. Witte: Bei Zimmertemperatur ja: Je fester das Fett, desto mehr gesättigte Fettsäuren enthält es, und je flüssiger es ist, desto mehr ungesättigte Fettsäuren. Es gilt folgende Regel: Ist ein Fett bei 200 C fest, heißt es Fett, bleibt es flüssig, handelt es sich um ein Öl. Je länger ein Öl bei sinkenden Temperaturen flüssig bleibt, desto höher ist sein Anteil an ungesättigten Fettsäuren. An der Konsistenz läßt sich aber nicht ablesen, ob ein Öl besonders viel einfach ungesättigte Fettsäuren enthält, wie Oliven- oder Rapsöl, oder ob es besonders reich an mehrfach ungesättigten Fettsäuren ist, wie Distel- oder Sojaöl. Beide Fettsäurearten sind zwar für die flüssige Konsistenz des Öls verantwortlich, müßten aber auf den Produkten deklariert werden, weil sie mit bloßem Auge nicht zu unterscheiden sind.

Durch welche Merkmale sind besonders wertvolle Pflanzenöle charakterisiert?

Dr. Witte: Grundsätzlich sind alle Öle wertvoll, da sie im Gegensatz zu festen Fetten über hohe Anteile an ungesättigten Fettsäuren verfügen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt für den Verzehr von Fetten eine Drittelung in gesättigte, einfach ungesättigte und mehrfach ungesättigte Fettsäuren. Unter diesem Aspekt sind Öle mit einem hohen Anteil an mehrfach ungesättigten Fettsäuren besonders wertvoll, da wir in unserer Ernährung nicht nur mehr als ein Drittel an gesättigten, sondern auch mehr als ein Drittel an einfach ungesättigten Fettsäuren aufnehmen, aber eben zuwenig mehrfach ungesättigte Fettsäuren. In letzter Zeit mehren sich die Informationen, daß den Omega-3-Fettsäuren (z.B. Linolensäure) eine besondere Bedeutung zukommt. Pflanzenöle mit einem hohen Gehalt an mehrfach ungesättigten Omega-6- und Omega-3-Fettsäuren sind für mich daher die besonders wertvollen pflanzlichen Öle. Ein weiteres positives Charakteristikum eines wertvollen Öls ist neben seinem Fettsäuremuster natürlich auch ein hoher Gehalt an Vitamin E (a-Tocopherol).

Welche anderen Lebensmittel enthalten Omega-3-Fettsäuren?

Dr. Witte: Beispielsweise Thunfisch, Makrele und Lachs. In diesen Kaltwasserfischen findet sich die lebensnotwendige Omega-3-Fettsäure, die in unserem Organismus aus Linolensäure entsteht: die Eicosapentaensäure. Bemerkenswert ist hierbei, daß der schrittweise Umwandlungsprozeß von Linolen- zu Eicosapentaensäure im Körper außerordentlich verlustreich abläuft, so daß letztlich nur etwa 20% der zugeführten Linolensäure wirksam werden.

Ist es überhaupt möglich, jeden Tag auf die geforderte Menge an Linolen- bzw. Eicosapentaensäure zu kommen?

Dr. Witte: Die Nationale Verzehrsstudie zeigt, daß der sog. Durchschnittsmann allein über Speiseöle und -fette pro Tag 0,4 g Linolensäure aufnimmt. Weitere, wenn auch spärlich sprudelnde Quellen sind z.B. Butter, Milch, Käse und Fleisch. Pflanzenöle und Pflanzenmargarine sind jedoch zweifelsfrei die wichtigsten Linolensäurelieferanten.

Wie läßt sich die Drittel-Regel in die Tat umsetzen? Wer weiß schon exakt, in welchem Lebensmittel welche Fettsäurespektren enthalten sind?

Dr. Witte: Die Fette, die wir in Deutschland am häufigsten verzehren, sind Milchfett (Milch, Butter, Sahne, Joghurt, Käse usw.) und Fette von Rind und Schwein (Fleisch, Wurst, Hack usw.). Diese Fette enthalten mehr als 33% an gesättigten Fettsäuren und nur 3% (Milchfett) bis 10% (Schwein) mehrfach ungesättigte Fettsäuren. Während wir einfach ungesättigte Fettsäuren aus tierischen und pflanzlichen Fetten mit mehr als 38% in ausreichender Menge aufnehmen, mangelt es in unserer Ernährung meist an den geforderten 33% an mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Sie können aus linolsäurereichen Ölen und durch den Verzehr von Margarine bezogen werden, aber auch Fisch- und Geflügelgerichte tragen zur vermehrten Aufnahme der mehrfach ungesättigten Fettsäuren bei. Es gilt daher, eine Balance zwischen den verschiedenen Lebensmittelgruppen zu finden - dann wird man der Drittel-Regel sehr nahekommen. Für all jene, die mit dem PC vetraut sind, gibt es im übrigen eine gute Möglichkeit, dem Fettsäure-Spektrum verschiedener Lebensmittel auf die Spur zu kommen: Der Lehrmittelverlag W. Hagemann hat das Programm "Abenteuer Essen" (s. Literatur) entwickelt, das u.a. von dem, was wir gegessen haben oder essen wollen, die verschiedenen Fettsäure-Anteile ermittelt. Dann sieht man, ob es mit der Drittel-Regel stimmt, aber auch, welche Lebensmittel welche Fettsäurezusammensetzung haben.

Verderben Pflanzenöle mit hohem Gehalt an mehrfach ungesättigten Fettsäuren zwangsläufig relativ schnell?

Dr. Witte: Vom Leinöl wissen wir, daß es wegen seines hohen Linolensäuregehaltes schnell harzig wird. Für eine längere Haltbarkeit pflanzlicher Öle und der aus ihnen hergestellten Produkte sollte man sie lichtgeschützt und kühl lagern. Im Kühlschrank aufbewahrtes Pflanzenöl kann bisweilen ausflocken, was besonders beim Olivenöl beobachtet wird, aber das ist kein Hinweis auf einen vorzeitigen Verderb oder einen schlechteren Geschmack. Auch Margarine mit einem hohen Gehalt an mehrfach ungesättigten Fettsäuren, wie beispielsweise Diätmargarine, sollte kühl gelagert werden.

Häufig werden Pflanzenöle in dunkelgrünen Flaschen verkauft. Geschieht dies als zusätzlicher Schutz vor schnellem Verderb?

Dr. Witte: Ja, denn je reicher ein Öl an mehrfach ungesättigten Fettsäuren ist, desto lichtempfindlicher ist es. Antioxidantien wie Vitamin E schützen davor zwar in gewisser Weise, aber dieser Schutz verbraucht sich mit der Zeit etwas. Durch eine Verpackung, die den Inhalt vor Lichteinfluß schützt, läßt sich die Haltbarkeit solcher Öle zusätzlich verlängern.

Fettsäurespektren von Ölen
(Durchschnittswerte in %)

 

gesättigt

einfach
ungesättigt

mehrfach
ungesättigt

w 9 w 6 w 3
Fruchtfleischöle
Olivenöl 14 75.5 9.5 1
Palmöl 53 37 9.5 0.5
Samenöle
Rapsöl 6 63.5 20.5 10
Saflor-(Distel-)öl 9 13 77.5 0.5
Walnußöl 9 16.5 60.5 14
Leinöl 10 18 14 58
Traubenkernöl 11 17.5 71 0.5
Sonnenblumenöl 12 25 62.5 0.5
Maiskeimöl 13 34 52 1
Sojaöl 14.5 21.5 56 8
Fischöle
Lachs 22 42 34.8 1.2
Forelle 28.6 33.3 38.1
Makrele 30.7 38.6 28.7 2
Hering 31.5 50 17.5 1
Thunfisch 36.1 24.2 37.7 2

Redaktion der Stichwortsammlung "Bei Experten nachgefragt":
Maria Hacks, Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel GmbH, Hamburg

WEITERFÜHRENDE LITERATUR:

  • Stichwortserie: Nahrungsfette und -öle, Hrsg.: Margarine-Institut für gesunde Ernährung, 1996.
  • Stichwortserie: Fett und Ernährung, Hrsg.: Margarine-Institut für gesunde Ernährung, 1995.
  • Bockisch, M.: Handbuch der Lebensmittel-Technologie - Nahrungsfette und -öle, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart, 1993.
  • PC-Programm "Abenteuer Essen", Hrsg.: Margarine-Institut für gesunde Ernährung, Lehrmittelverlag Wilhelm Hagemann, 1994.
  • Rohwedder, D., Hacks, M.: Chemie und Physik in Küche und Ernährung, Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel, 1993.
  • Fett in der Ernährung, Hrsg.: Lehrmittelverlag Wilhelm Hagemann und Margarine-Institut für gesunde Ernährung, 5. Auflage, 1991.