BEI EXPERTEN NACHGEFRAGT
Ein Drittel hiervon, ein Drittel davon... - das
PUFA-Drittel ist das Sorgenkind
UNSER EXPERTE: Dr. med. Günther Wolfram, Leiter des Instituts für Ernährungswissenschaft in
Weihenstephan, Freising, Lehrstuhlinhaber für Ernährungslehre an der Technischen
Universität München und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE).
Was genau besagt die Dreier-Regel?
Wolfram: Bei Empfehlungen über die Fettzufuhr des Menschen muß
man drei Fettsäurearten unterscheiden: die gesättigten, die einfach ungesättigten und
die mehrfach ungesättigten. Der Name der sog. Dreier-Regel stammt von der Vorgabe, daß
die Menge des täglich verzehrten Nahrungsfettes alle drei Fettsäurearten zu etwa je
einem Drittel enthalten soll. Die Dreier-Regel ist eine national und international
anerkannte Faustregel und vereinigt zwei wichtige Faktoren bezüglich des Fettverzehrs:
Sie sagt nicht nur etwas über die Qualität des Nahrungsfettes aus, sondern auch über
die Quantität, denn die Fettaufnahme sollte nicht mehr als 30% der gesamten Energiezufuhr
betragen. Menschen, die körperlich aktiv sind, können auch bis zu 35% der
Nahrungsenergie in Form von Fett aufnehmen, da sie mehr Energie abarbeiten. Absolut
gesehen bedeuten die 30% für den sog. Normalbürger deutlich weniger als 100g Fett pro
Tag.
Ist die exakte Drittelung der drei Fettsäurearten im normalen
Alltag wirklich durchführbar?
Wolfram: Natürlich ist es schwierig, aber gleich vorweg: Es kommt
wirklich nicht exakt auf das einzelne Gramm an. Wissenschaftlich ist immer eine eindeutige
Definition gefragt, die dann aber für die alltägliche Praxis in eine verständliche Form
umzusetzen ist. Ein Drittel des Nahrungsfettes sollte aus mehrfach ungesättigten
Fettsäuren bestehen, und das erreiche ich, indem ich genügend pflanzliche Öle und Fette
in meinen täglichen Speiseplan einbaue. Aufpassen muß man bei dem Drittel gesättigter
Fette, das man schnell überschreitet. Da in Deutschland wie all den anderen
Industrienationen zuviel tierische Fette in Form von Fleisch, Wurst und Käse verzehrt
werden, gilt es, den Verzehr dieser Lebensmittel konsequent einzuschränken. Kaum kümmern
muß man sich um die einfach ungesättigten Fettsäuren, die ausreichend sowohl in
tierischem wie pflanzlichem Fett vorkommen. Ißt man dann noch reichlich Obst und Gemüse,
verzehrt man automatisch weniger Fett und erreicht die angestrebte Drittelung der drei
Fettsäurearten recht gut. Vereinfacht könnte die Dreier-Regel auch heißen: Bremsen bei
den gesättigten Fetten und etwas zulegen bei den mehrfach ungesättigten.
Hat sich trendmäßig an den Ergebnissen der Nationalen
Verzehrsstudie von 1989 etwas verbessert?
Wolfram: Nach dieser Studie werden in Deutschland normalerweise 46%
gesättigte Fette, 38% einfach ungesättigte und nur 16% mehrfach ungesättigte
Fettsäuren verzehrt. Neuere Daten gibt es nicht, und sie sind auch nicht zu erwarten,
weil derartige Studien mit 20.000 Ernährungsprotokollen einfach zu teuer sind. Die
aktuellen, aber weniger genauen, Agrarstatistiken deuten auf einen insgesamt etwas
niedrigeren Fettverzehr hin.
Könnten zwei vegetarische Tage pro Woche die Drittelbilanz
verbessern?
Wolfram: Das wäre sicher gut. Wichtig ist aber auch, einmal die
Probe aufs Exempel zu machen. Dazu muß man seine geänderten Eßgewohnheiten Revue
passieren lassen und schauen, ob sie in die gewünschte Richtung gehen. Achtet man darauf,
genug mehrfach ungesättigte Fettsäuren über pflanzliche Öle und Margarine zu
verzehren, funktioniert alles andere fast von selbst.
Von welchen Lebensmitteln sollte man vor allem den Fettgehalt im
Kopf haben?
Wolfram: Zum Beispiel enthalten 30 g Cervelatwurst 13 g Fett, aber
30 g Corned-beef nur 2 g. 100 g alter Gouda mit 50% Fett in der Trockenmasse enthalten 30
g Fett, aber 100 g Camembert mit 70% F.i.Tr. 40 g Fett, 100 g Frischkäse mit 50% F.i.Tr.
nur 6 g und 100 g Magerquark sogar nur 1 g Fett.
Was geschieht im menschlichen Körper mit
"überschüssigem" Nahrungsfett?
Wolfram: Zuviel aufgenommene Energie wird ins Fettgewebe eingebaut
- es sei denn, man treibt viel Sport oder arbeitet körperlich hart, was allerdings die
wenigsten von uns tun. Da Fett einer der entscheidenden Geschmacksträger ist, schmecken
mit Fett zubereitete Speisen eben sehr gut und es passiert ganz leicht, daß man mehr ißt
als nötig. Das daraus erwachsende Übergewicht ist aber nicht nur ein kosmetisches
Problem, sondern hat ernste gesundheitliche Folgen: Übergewichtige leiden häufiger an
Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes, zu hohem Blutdruck und Fettstoffwechselstörungen.
Zu hohes Gewicht belastet natürlich auch rein mechanisch die Gelenke mit entsprechenden
Folgen, und die Fettsucht gilt als eigenständiger Risikofaktor für Herzinfarkt und
Herztod - auch ohne Diabetes oder Hypertonie - und verkürzt ab einem gewissen Grad das
Leben.
Warum sollte ein Übergewichtiger nicht nur weniger Fett verzehren,
um abzunehmen, sondern sich auch nach der Dreier-Regel ernähren?
Wolfram: Weil er die Menge der gesättigten Fette nicht ausreichend
reduzieren wird. Anerkannte Studien belegen, daß die Fettsäurezusammensetzung erst dann
keine Rolle mehr spielt, wenn von der Gesamtenergie nur noch 28% auf Fett entfallen. Das
liegt daran, daß offensichtlich erst ab einer kritischen Menge von über 30% Fett in der
Nahrung der LDL-Cholesterinspiegel im Blut ansteigt. Im Prinzip ist die Dreier-Regel
aufgestellt worden, um zu hohen LDL-Cholesterinwerten den Kampf anzusagen und weitere
günstige Wirkungen der mehrfach ungesättigten Fettsäuren zu gewinnen.
Bewirkt eine sehr geringe Fettaufnahme keinen Linolsäuremangel?
Wolfram: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt
eine Aufnahme von 10 g Linolsäure pro Tag. Man fährt aber auch mit 8 g noch gut und muß
keinen Linolsäuremangel befürchten. Wer sich extrem fettarm ernährt, nimmt über das
wenige Fett - egal ob Butter oder Margarine - und über grünes Gemüse und Obst immer
gewisse Linolsäuremengen auf. Die empfohlenen 10 g sind ein Richtwert, um eine
ausreichende Menge zu erreichen.
Gilt die Dreier-Regel auch für Menschen mit niedrigen
LDL-Cholesterinwerten?
Wolfram: Ja, denn alle Menschen sprechen auf den Verzehr von Fett
an. Senkt man den Fettgehalt der Nahrung beispielsweise von 40 auf 30%, reagiert darauf
jeder Mensch - zwar individuell unterschiedlich stark, aber er reagiert.
Wie lange dauert es, bis die Cholesterinwerte sinken?
Wolfram: Beschränkt man sich nur auf einen reduzierten
Fettverzehr, dauert es etwa 3 Wochen. Anders sieht es bei cholesterinhaltigen
Nahrungsmitteln aus, auf deren Verzehr manche Menschen deutlich ansprechen (Responder) und
andere so gut wie gar nicht (Non-Responder).
Was empfehlen Sie einem älteren, nicht übergewichtigen Patienten
mit 300 mg/dl Gesamtcholesterin und einem LDL-Cholesterin von etwa 200 mg/dl?
Wolfram: Derart hohe Cholesterinwerte sind immer ein Risikofaktor,
gegen den man etwas unternehmen muß. Bei einem schlanken Menschen verändert Abnehmen
nichts am Cholesterin, und insofern ist zu klären, welche Fette der Patient in welchem
Verhältnis aufnimmt. Verzehrt er generell zuviel und zuviel gesättigte Fette, sollte er
die Dreier-Regel beherzigen. Das birgt die Chance, daß sich seine Cholesterinwerte
bessern. Ernährt er sich aber optimal, helfen nur Medikamente.
Was bedeutet P/S-Quotient?
Wolfram: Er definiert das Verhältnis von mehrfach ungesättigten
Fettsäuren (Poly unsaturated fatty acids) zu gesättigten (Saturated fatty
acids). Da der P/S-Quotient die einfach ungesättigten Fettsäuren (Mono
unsaturated fatty acids) aber "außen vor" läßt, ist er eigentlich überholt.
In der praktischen Umsetzung der Dreier-Regel ergibt sich das eine Drittel an Ölsäure
zwar fast automatisch, wenn man weniger gesättigte und reichlich mehrfach ungesättigte
Fettsäuren verzehrt, soll aber die Zusammensetzung der Fettsäuren überprüft werden,
muß man die genauen Anteile aller drei Fettsäurearten kennen. Man müßte also eine
P/M/S-Relation aufstellen, die auch im Sinne der Dreier-Regel mit 1:1:1 optimal ist.
Wie effektiv verlaufen Kampagnen für eine gesündere Ernährung?
Wolfram: Offensichtlich bewirken sie einiges, aber genau wissen wir
nicht, welche Maßnahme was bewirkt. Noch suchen wir nach "der" Idee, die zum
Durchbruch führen könnte. Broschüren werden von zu wenigen gelesen und Fernsehspots
sind zu teuer. Sehr schwierig ist es auch, unsachlichen und teilweise falschen
Informationen gezielt zu widersprechen, damit sie sich nicht in den Köpfen der Leute
festsetzen. Menschen ein vernünftiges Ernährungsverhalten nahezubringen, bleibt
problematisch.
Redaktion der Stichwortsammlung "Bei Experten nachgefragt":
Maria Hacks und Corinna Luerweg, Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel GmbH, Hamburg
WEITERFÜHRENDE LITERATUR:
- Stichwortserie: Nahrungsfette und -öle, Hrsg.:
Margarine-Institut für gesunde Ernährung, 1996.
- Stichwortserie: Fett und Ernährung, Hrsg.: Margarine-Institut für
gesunde Ernährung, 1995.
- Wolfram, G.: "Fette und Ernährung aus der Sicht der DGE",
Fat Sci. Technol. 96, 39-41, 1994.
- Rohwedder, D., Hacks, M.: Chemie und Physik in Küche und Ernährung,
Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel, 1993.
- Fett in der Ernährung, Hrsg.: Lehrmittelverlag Wilhelm Hagemann und
Margarine-Institut für gesunde Ernährung, 5. Auflage, 1991.
- Hacks, M., Rohwedder, D.: "Therapie mit Messer und
Gabel", Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel, 1994.
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