BEI EXPERTEN NACHGEFRAGT
Wer braucht wieviel? - Die
Waage ist für jung und alt das Maß aller Dinge
UNSER EXPERTE: Dr. med. Günther Wolfram, Leiter des Instituts für Ernährungswissenschaft in
Weihenstephan, Freising, Lehrstuhlinhaber für Ernährungslehre an der Technischen
Universität München und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE).
Wie läßt sich der individuelle Energieverbrauch berechnen?
Wolfram: Eigentlich gar nicht. Der Energieverbrauch des einzelnen
Menschen ist davon abhängig, wie körperlich aktiv er ist und wie intensiv er sich
bewegt. Das läßt sich nicht genau bestimmen, denn man kann nicht jeden einzelnen Schritt
zählen. Größe und Gewicht eines Menschen ermöglichen aber, den Energieverbrauch
theoretisch zu erfassen. Zunächst nimmt man den Grundumsatz als feste Größe. Das ist
die Energiemenge, die der Körper in völliger Ruhe verbraucht und nur zur Erhaltung der
Lebensvorgänge dient - nicht für Muskel-, Verdauungs- und andere energieverbrauchende
Vorgänge. Der Grundumsatz ist sehr gut mit der Faustregel Kilokalorien (kcal) pro
Kilogramm Körpergewicht pro Stunde zu berechnen: Das ergibt bei einem 70 kg schweren
Menschen in 24 Stunden 1600 bis 1700 kcal. Um den individuellen Energieverbrauch zu
bestimmen, müssen zum Grundumsatz alle energieverbrauchenden Vorgänge, hauptsächlich
die körperlichen Aktivitäten, addiert werden. Da aber die Schätzung des individuellen
Energieverbrauchs so schwierig ist, kann nur die kontinuierliche Überprüfung des
Körpergewichts Auskunft darüber geben, ob die Energiebilanz ausgeglichen ist.
Normal- oder Idealgewicht, Body mass Index (BMI) oder Broca-Formel -
womit fährt der Laie am besten?
Wolfram: Meines Erachtens ist für den Normalverbraucher die
Broca-Formel am besten geeignet, die von dem französischen Anthropologen und Chirurgen Paul
Broca aufgestellt wurde. Das Soll- oder Normalgewicht in kg errechnet sich danach aus
Körperlänge in cm minus 100. Wer also 173 cm groß ist, sollte 73 kg wiegen.
Ergibt sich so nicht ein relativ hohes Normalgewicht?
Wolfram: Nein, all diese Berechnungsarten bergen Schwankungsbreiten
in sich, und man sollte sich vor einer Pseudogenauigkeit hüten, die eher verunsichert als
nützt. Ob ich als gesunder Mensch mit 173 cm Körperlänge 71, 73 oder 76 kg wiege,
spielt keine Rolle. Problematisch ist es, bei gleicher Körperlänge 90 kg zu wiegen.
Anders ist es auch bei Diabetikern, deren Blutzuckerwerte und Zuckerausscheidung im Urin
viel genauer als alle Formeln zeigen, ob sie ein optimales Gewicht haben. Ich plädiere
für ein Wohlfühlgewicht, das sich in einem ganz individuellen Rahmen einpendeln sollte,
der gesundheitlich noch vertretbar ist - möglicherweise eben auch einige Kilo über dem
Broca-Wert. Kein Wissenschaftler und keine Studie können beweisen, daß mit ein paar
Pfunden zuviel die Lebenserwartung eines sonst gesunden Menschen sinkt und das
Erkrankungsrisiko steigt.
Was spricht für den Body-Mass-Index?
Wolfram: Der Vorteil der BMI-Berechnung (Körpergewicht in kg
geteilt durch Körpergröße in Metern zum Quadrat, also bei 178 cm und 73 kg = 73:1,782
= 73:3,168 = 23) liegt in der Einbeziehung der Körperstruktur. Im Gegensatz hierzu fallen
bei Berechnungen nach der Broca-Formel die kleinen Dicken und langen Dünnen leichter aus
der Norm und schneiden schlechter ab. Aus diesem Grund ist der BMI "die"
international anerkannte Berechnungsgröße. Leider verstehen die wenigsten Menschen, was
man mit der errechneten Verhältniszahl anfangen soll, wenn sie nicht im Normbereich von
23 bis 25 liegt - dies gilt im übrigen für Frauen und Männer gleichermaßen. Hat jemand
einen BMI von 27 und ihm wird gesagt, er dürfe nur 25 haben, wird er wissen wollen,
wieviel Kilo er denn nun abnehmen muß. Dazu muß auch der Arzt den Taschenrechner
bemühen. Für die tägliche Praxis eignet sich der BMI also nicht sonderlich; es reicht,
wenn jeder sein Normalgewicht nach der Broca-Formel errechnet und mit dem Ist-Zustand
vergleicht. Das sog. Idealgewicht liegt im übrigen um einiges unter der Norm nach Broca
und ist gesundheitlich nicht optimal.
Wie oft sollte man sich wiegen?
Wolfram: Zur Kontrolle einer gesunden Lebensweise reicht es einmal
pro Woche, aber: ein Leben lang, immer zur gleichen Tageszeit und in etwa gleich
angezogen. Erst diese Routine ermöglicht es, rechtzeitig zu merken, ob mit dem Gewicht
alles im Lot ist oder ob sich die Richtung ändert. Das einmalige Wiegen pro Woche ist
allerdings zu wenig, wenn man abnehmen will. Dann muß man jeden Tag auf die Waage, um
genau zu kontrollieren, was man tagsüber ißt und trinkt. Nur so läßt sich erkennen, ob
die Ernährungsumstellung etwas bringt und man auf dem richtigen Weg ist. Reduziert man
die Nahrungsaufnahme, verliert man zunächst vor allem Wasser, wodurch der Zeiger der
Waage auch heruntergeht. Dann wird das Abnehmen zäher, aber auch kleine Erfolge
motivieren zum Durchhalten. Den gewünschten Überblick behält man durch das tägliche
Wiegen.
Wieviel Gramm Fett pro Tag kann man überhaupt abnehmen?
Wolfram: Das kommt auf die körperliche Aktivität an. Während
manch einer nur auf dem Sofa liegt, wenn er hungert, gehen andere weiter ihrem Beruf nach
oder treiben sogar intensiv Sport. Außerdem werden in den verschiedenen Phasen des
Abnehmens unterschiedliche Mengen an Fett abgebaut. In den ersten 4-5 Tagen reduziert sich
das Gewicht auch durch Wasserverlust relativ schnell. Dann folgen 3-4 Wochen, in denen man
sehr schön abnimmt. Unter den Bedingungen einer Nulldiät kann ein Mann in dieser Zeit
täglich ca. 400 g abnehmen, eine Frau ca. 350 g. Diese Werte lassen sich pro Tag um 50 g
erhöhen, wenn man sich gleichzeitig aktiv bewegt. Nach 3-4 Wochen wird dann ein Stadium
erreicht, in dem sich der Energiebedarf umstellt und man langsamer abnimmt. Realistisch
ist eine Gewichtsabnahme von 200-250 g pro Tag, wenn man wirklich sehr wenig ißt.
Nehmen einige Menschen leichter zu als andere?
Wolfram: Wer behauptet, er nähme leichter zu als andere, bewegt
sich einfach zu wenig. Wenn man aber beispielsweise sehr salzreich ißt, trinkt man mehr
und die Flüssigkeit wird im Organismus vom Salz gebunden - da kann man leicht an einem
Tag ein Kilo zunehmen. Daß manche Menschen leichter Fett ansetzen als andere unter
gleichem Aktivitätsmuster, ist ein hartnäckiges, wissenschaftlich aber bisher nicht
bewiesenes, Gerücht.
Wann gilt ein Kind als übergewichtig?
Wolfram: Um dies zu beurteilen, gibt es sog. Somatogramme, die
Richtwerte dafür liefern, wie groß ein Kind in einem bestimmten Alter sein sollte und
was es wiegen darf - aber auch hier spielen ein oder zwei Kilo keine große Rolle. BMI und
Broca-Formel sind auf Kinder kaum anzuwenden, da sich während des Wachstums Gewicht und
Körpergröße in sehr unterschiedlichen Schüben entwickeln: Manche Kinder gehen erst in
die Höhe, andere in die Breite.
Sollten Schwangere "für zwei" essen oder sich normal
ernähren?
Wolfram: Nicht für zwei, aber sie müssen natürlich etwas mehr
essen. Schwangere sollten darauf achten, daß die Nährstoffdichte größer ist und der
Ernährungsplan insgesamt vollwertig und ausgewogen ist. Die normale Gewichtszunahme
während einer Schwangerschaft liegt bei 11 kg.
Warum reduziert sich der Energieumsatz ab dem frühen
Erwachsenenalter?
Wolfram: Die Summe aus Grundumsatz und körperlicher Aktivität
bildet den Ener-gieumsatz.Verantwortlich für den geringeren Energieumsatz des Erwachsenen
ist vor allem das Ende der Wachstumsphase, aber auch ein Nachlassen der körperlichen
Aktivität. Hinzukommt, daß sich etwa ab dem 25. Lebensjahr auch der Grundumsatz
kontinuierlich reduziert. Ein 70jähriger Mensch hat beispielsweise nur noch einen
Grundumsatz von 85% des Ausgangswertes, weil es bei ihm nur noch um den Erhalt von
Organfunktionen geht und alle Stoffwechselprozesse langsamer ablaufen.
Sollte jeder Mensch täglich eine warme Mahlzeit verzehren?
Wolfram: Nicht wegen der Temperatur der Speisen, aber mit einer
warmen Mahlzeit bekommt man ein vielseitigeres Angebot von Nährstoffen. Kalte Mahlzeiten
sind häufig zu einseitig.
Wie sollte sich ein Übergewichtiger ohne weitere Risikofaktoren
ernähren?
Wolfram: Er sollte abnehmen bis er annähernd seinen Brocawert
erreicht.
Spielt die Fettzusammensetzung auch bei schlanken Menschen eine
Rolle?
Wolfram: Sicherlich, denn auch Schlanke können relativ hohe
LDL-Cholesterinwerte haben, die unbestreitbar ein gesundheitliches Risiko darstellen. Eine
fettmodifizierte Ernährung im Sinne der Dreier-Regel kann in diesen Fällen Positives
bewirken.
Redaktion der Stichwortsammlung "Bei
Experten nachgefragt":
Maria Hacks und Corinna Luerweg, Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel GmbH, Hamburg
WEITERFÜHRENDE LITERATUR:
- Stichwortserie: Nahrungsfette
und -öle, Hrsg.: Margarine-Institut für gesunde Ernährung, 1996.
- Stichwortserie: Fett und Ernährung, Hrsg.: Margarine-Institut für
gesunde Ernährung, 1995.
- Wolfram, G.: "Fette und Ernährung aus der Sicht der DGE",
Fat Sci. Technol. 96, 39-41, 1994.
- Rohwedder, D., Hacks, M.: Chemie und Physik in Küche und Ernährung,
Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel, 1993.
- Fett in der Ernährung, Hrsg.: Lehrmittelverlag Wilhelm Hagemann und
Margarine-Institut für gesunde Ernährung, 5. Auflage, 1991.
- Hacks, M., Rohwedder, D.:
"Therapie mit Messer und Gabel", Wissenschaftsverlag Wellingsbüttel, 1994.
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