HINTERGRUNDINFORMATIONEN
Einfluss von Fettsäuren auf Essverhalten und Adipositas
Zur Prävention und für die Behandlung der Adipositas
muß ohne Zweifel auch der Fettgehalt der Nahrung vermindert werden.
Dass bei der Verminderung des Fettanteils in der Nahrung darauf geachtet
werden sollte, welche Fettsäuren konsumiert werden, zeigen eine
Reihe von neuen Befunden. Dabei lassen sich auf verschiedenen Ebenen
Einflüsse bestimmter Fettsäuren z.B. auf das Essverhalten
nachweisen.
1. Zungenrezeptoren für mehrfach ungesättigte Fettsäuren
in cis Konfiguration
Bei Ratten konnten an der Zunge Geschmacksknospen nachgewiesen werden,
in denen durch Linolsäure, a-Linolensäure und Arachidonsäure
elektrische Signale vermindert werden. Die gesättigte Laurinsäure
hatte keine solchen Effekte. Je geringer die Hemmung der elektrischen
Signale durch die mehrfach ungesättigten Fettsäuren ist,
desto ausgeprägter ist der Konsum von Fett (1). In Tieren, die
durch ein fettreiches Futter übergewichtig wurden, fand sich
eine geringere Abschwächung der durch Linolsäure ausgelösten
elektrischen Signale in den Geschmacksknospen als in Tieren, die gegenüber
der Entwicklung von Übergewicht resistent waren (2).
2. Regulation des EssverhaItens durch Linolsäureinfusionen
in das Jejunum
Es scheinen intestinale Sättigungsmechanismen zu existieren,
die durch bestimmte intraluminale Fettsäuren ausgelöst werden
können. So konnte an 14 Ratten durch Infusion von Linolsäure
in das Jejunum an 21 aufeinanderfolgenden Tagen die Futteraufnahme
um 16 % und der Fettanteil der Tiere um 48 % vermindert werden (3).
3. Fettsäuren und Insulin
Insulinresistenz ist assoziiert mit erhöhten Konzentrationen
an Palmitin- und Palmitoleinsäure im Plasma und mit niedrigen
Konzentrationen an Linolsäure (4). In der KANWU Studie konnte
zum ersten Mal gezeigt werden, daß es möglich ist, die
Insulinempfindlichkeit durch den Ersatz von gesättigten durch
einfach ungesättigte Fettsäuren zu verbessern (mehrfach
ungesättigte Fettsäuren wurden nicht untersucht) (5). An
35 988 Frauen, die über 11 Jahre bezüglich der Manifestation
eines Diabetes mellitus beobachtet wurden, zeigte sich eine inverse
Korrelation zwischen dem Auftreten des Diabetes mellitus und dem Konsum
an pflanzlichem Fett und dem Ausmaß des Ersatzes von gesättigten
Fettsäuren durch mehrfach ungesättigte Fettsäuren (6).
Auch in Untersuchungen, in denen die Insulinsensitivität aufwendig
durch euglykämisches-hyperinsulinämisches Clampen ermittelt
wurde, fand sich eine Beziehung der Insulinresistenz zum Gehalt an
Palmitinsäure in Triglyceriden in der Skelettmuskulatur (7).
4. Regulation der Energiebilanz
Mehrfach ungesättigte Fettsäuren führen zu einer vermehrten
Bildung von Glykogen aus mit der Nahrung aufgenommener Glucose und
zu einer gesteigerten Fettsäureoxidation. Aus der zuletzt genannten
Wirkung resultiert eine verminderte Verfügbarkeit von Fettsäuren
für die Synthese von Triglyceriden, auch für die Speicherung
im Fettgewebe. W-3 Fettsäuren steigern die Thermogenese. Diese
Wirkungen der mehrfach ungesättigten Fettsäuren werden teilweise
vermittelt durch die Steigerung der Transkription des mitochondrialen
uncoupling Proteins-3 und die Induktion von Genen, die für Proteine
kodieren, die von Bedeutung für die Fettsäureoxidation sind.
Gleichzeitig werden Proteine vermindert produziert, die in die Lipidsynthese
involviert sind (8).
5. Fettsäuren und Lipogenese
Die Lipogenese wird durch mehrfach ungesättigte Fettsäuren
gehemmt und durch eine Diät mit einem hohen Anteil an Kohlenhydraten
gesteigert. Diese Effekte werden teilweise durch Hormone, welche die
Lipogenese hemmen (Wachstumshormon und Leptin) oder stimulieren (Insulin),
vermittelt. Dabei beteiligt sind das Sterol regulatory element binding
protein-1 und Perosisome proliferator activator receptor-g (PPARg)
(9). Gerade PPARg scheinen dabei auch beim Menschen von klinischem
Interesse zu sein, konnte doch gezeigt werden, daß bei einer
bestimmten Mutation (Ala-carriers) und einem höheren Konsum von
mehrfach ungesättigten Fettsäuren (P/S-Quotient > 0,66)
das Körpergewicht signifikant niedriger ist (10).
6. Fettsäuren und Leptin
Leptin ist ein Hormon mit großer Beedeutung für die Regulation
des Körperfettgehalts. Seine Konzentration im Plasma hängt
von der Fettgewebsmasse ab, aber auch von der Zufuhr und der Zusammensetzung
energieliefernder Bestandteile der Nahrung. W-3 Fettsäuren verminderten
die Expression des Leptin-Gens, gesättigte und einfach ungesättigte
Fettsäuren hatten keinen Effekt (11).
7. Ausmaß der Oxidation der verschiedenen Fettsäuren
Unterschiedliche Oxidationsraten (12) der verschiedenen Fettsäuren
können
u. U. gering zur Prävention des Übergewichts beitragen:
| Säure |
Oxidationsrate (%) |
| Palmitinsäure |
14,2 ± 2,9 |
| Stearinsäure |
11,3 ± 4,2 |
| Ölsäure |
17,0 ± 3,6 |
| Linol säure |
16,1 ± 6,6 |
Die niedrigste Oxidationsrate haben die auch quantitativ bedeutenden
gesättigten Fettsäuren Palmitin- und Stearinsäure.
8. Mittelkettige Triglyceride (MCT)
Mittelkettige Triglyceride (C 6:0 - C 10:0) wurden wiederholt zur
Gewichtsreduktion eingesetzt, allerdings ohne großen klinischen
Erfolg. In einer umfangreichen Übersicht wurden die Vor- und
Nachteile der mittelkettigen Triglyceride in der Kontrolle des Körpergewichts
zusammengefaßt (13):
Als positiv können angesehen werden:
- Geringere Energiedichte (C 16:0 - 9,36 kcal/g, C 10:0 -
8,49 kcal/g, C 8:0 -7,97 kcal/g) (14)
- Gutes Sättigungsgefühl
- Schnelle Anflutung zur Leber und rasche Oxidation
- Geringer Einbau ins Fettgewebe
Als negativ wurden aufgeführt:
- Stimulation der Insulinsekretion und der damit ausgelösten
anabolen Prozesse
- Steigerung der de-novo Fettsynthese
- Auslösung oder Verschlechterung einer Hypertriglyceridämie
Bei 8 Kontrollen und 8 Adipösen zeigte sich, daß langkettige
Fettsäuren bei Übergewichtigen eine niedrigere Oxidationsrate
aufweisen als eine Mixtur aus lang- und mittelkettigen Fettsäuren
(15).
Es wurde aus den vorliegenden Daten geschlossen (14), daß etwa
50% der täglichen Energie in Form von mittelkettigen Triglyceriden
zugeführt werden müßten, um eine Gewichtsreduktion
zu erreichen.
Unklar bei einer hohen Zufuhr an mittelkettigen Triglyceriden ist,
wie die Leber auf ein so großes Angebot auf Dauer reagiert.
Vereinzelt sind schwere Leberveränderungen bei Patienten mit
Abetalipoproteinämie berichtet worden, bei denen die Fettresorption
aufgrund des fehlenden Apolipoproteins B-48 nicht über Chylomikronen
stattfinden kann. Unklar ist dabei auch, in welchem Ausmaß die
Aufnahme von fettlöslichen Vitaminen verändert wird.
9. Konjugierte Linolsäuren
Konjugierte Linolsäuren sind mehrfach ungesättigte Fettsäuren,
bei denen, im Vergleich zur essentiellen Linolsäure, eine oder
beide Doppelbindungen unterschiedlich lokalisiert sind. Diese Bindungen
können sowohl eine cis- als auch eine trans-Konfiguration aufweisen.
Folge ist u. a. eine veränderte räumliche Struktur. Dies
bedeutet, daß es nicht eine konjugierte Linolsäure gibt,
sondern dass es sich um eine Gruppe verschiedener konjugierter Linolsäuren
handelt. Im Gegensatz zur Linolsäure finden sich die konjugierten
Linolsäuren vorwiegend in Fleisch und Wurst, sowie in Milchprodukten.
Eine Reihe von biologischen Effekten konnte mit konjugierten Linolsäuren
in Versuchstieren gezeigt werden, so auch eine Verminderung der Körperfettmasse.
Eindeutige Verminderungen des Körpergewichts konnten bisher
am Menschen nicht gezeigt werden. Die überzeugendste Arbeit zu
dieser Thematik stammt von Zambell und Mitarbeitern, bei denen die
Versuchsteilnehmer 64 Tage in einer Stoffwechseleinheit stationär
beobachtet wurden. Bei den insgesamt 17 Frauen fand sich kein signifikanter
Unterschied zwischen fettfreier Körpermasse, Fettmasse, Körperfettanteil,
Körpergewicht, Grundumsatz und Fettoxidatlon (16). Weitere Untersuchungen
sind erforderlich, um herauszufinden, ob auch am Menschen konjugierte
Linolsäuren tatsächlich in der Lage sind, die Körperzusammensetzung
zu verändern. Dabei sollte die Frage der Dosis und der Isomerkomposition
mehr als bisher in den Vordergrund treten.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, daß Fettsäuren
unterschiedlich das Essverhalten und die Regulation des Körpergewichts
beeinflussen können. Als ungünstig sind bei der für
eine Gewichtsreduktion ohne Zweifel notwendigen Fettreduktion gesättigte
Fettsäuren anzusehen. Aufgrund der positiven Einflüsse der
mehrfach ungesättigten Fettsäuren empfiehlt es sich, auch
unter Gewichtsreduktion auf eine adäquate, ausreichende Zufuhr
dieser essentiellen Fettsäuren zu achten.
Prof. Dr, Werner 0. Richter, Institut für Fettstoffwechsel und
Hämorheologlie, Blumenstraße 6, 86949 Windach, Vortrag
auf dem 24th World Congress of the International Society for Fat Research,
Berlin, 19. September 2001
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