HINTERGRUNDINFORMATIONEN
Mehrfach ungesättigte Fettsäuren und allergische Krankheiten
Zu diesem Thema liegt eine Veröffentlichung vor (1), die aus methodischen
Gründen die Frage des Zusammenhangs jedoch nicht klären kann:
In den Jahren 1995 -
1996 wurden 2334 Schulkinder (4. Klasse) erfaßt und die erhobenen Daten mit jenen von
1854 Kindern der 4. Schulklasse verglichen, die in den Jahren 1991 - 1992 untersucht
worden waren. Die Diagnose eines Heuschnupfens wurde gestellt, wenn die Eltern von einer
entsprechenden Diagnosestellung durch einen Arzt berichteten, jene einer atopen
Dermatitis, wenn die Eltern entsprechende Angaben machten. Auch die Diagnose eines Asthmas
erfolgte aufgrund von Schilderungen der Eltern. Zusätzlich wurde bei einem Großteil der
Kinder die bronchiale Übererregbarkeit und die Sensitivität gegenüber 6 allgemein
vorkommenden Aeroallergenen mittels kutanem Pricktest gemessen. Darüber hinaus wurde 1995
- 1996 mit Hilfe eines Fragebogens ermittelt, ob der Margarineverzehr in den Familien im
Vergleich zur Zeit vor der Wiedervereinigung zu- oder abgenommen hätte oder gleich
geblieben wäre. Bei Kindern von Eltern, die angaben, seit der Wiedervereinigung mehr
Margarine zu verzehren, fand sich Heuschnupfen mit einer Häufigkeit von 7,3 %. Dagegen
lag sie bei jenen, deren Konsum gleich geblieben war, bei 4,3 % und bei jenen, deren
Konsum geringer geworden wäre, bei 1,6 % (p < 0,001). Nach Korrektur für eine
Familienanamnese für atope Krankheiten, den sozioökonomischen Status, die Anzahl der
Geschwister, für Kohlen- oder Holzheizung oder für das Halten von Haustieren hatten die
Kinder von Eltern mit zugenommenem Margarineverbrauch ein erhöhtes Risiko für
Heuschnupfen (Odds ratio 2,0, Konfidenzenintervall 1,1 - 3,5). Keine Beziehung fand sich
dagegen zwischen zugenommenem Margarineverzehr und Asthma bronchiale, bronchialer
Übererregbarkeit und der Sensitivität auf sechs Aeroallergene.
Zu den von den Autoren berichteten Befunden sind eine Reihe kritischer Anmerkungen
notwendig:
- Die Diagnosestellung des Heuschnupfens erfolgte ausschließlich durch Angaben der
Eltern. Bei wesentlich validerer Diagnose, nämlich der durch Untersuchungen
festgestellten bronchialen Übererregbarkeit und der Sensitivität auf sechs Aeroallergene
zeigte sich keine Beziehung zur Zu- oder Abnahme des Margarineverzehrs.
- Die Änderung des Margarinekonsums wurde 1995/1996 gegenüber der Zeit vor der
Wiedervereinigung abgefragt. Der Vergleich der Häufigkeit des Heuschnupfens erfolgte
dagegen zwischen 1991/1992 und 1995/1996. Die rechtliche Wiedervereinigung lag zum ersten
Zeitpunkt (1991/1992) jedoch schon 1 - 1 ½ Jahre zurück, der Zeitpunkt der Maueröffnung
mit Änderung des Konsumverhaltens noch ein weiteres Jahr. Die Änderung des
Eßverhaltens, z. B. beim Verzehr von Margarine, wurde 1991 - 1992 jedoch nicht abgefragt.
Der Schwerpunkt in der Änderung des Konsumverhaltens ist jedoch ohne Zweifel in die
ersten Jahre nach der Wiedervereinigung, bzw. der Maueröffnung zu lokalisieren.
- Es wurde nur gefragt, ob sich der Margarinekonsum des Haushalts sich geändert hat. Es
fand weder eine Quantifizierung der Änderung noch eine Quantifizierung des Gesamtkonsums
an mehrfach ungesättigten oder anderen Fettsäuren statt. Außerdem ist die Anzahl der
Familien mit zu- oder abnehmendem oder gleichbleibendem Margarinekonsum nicht angegeben.
Wichtig wäre auch gewesen, den Konsum an verschiedenen Lebensmitteln durch die Kinder zu
evaluieren, z. B. wo und was während der Schulzeit gegessen wird. Wenn die von Black und
Sharpe (2) geäußerte Hypothese stimmen sollte, daß allergische Erkrankungen bei
zunehmendem Verzehr von mehrfach ungesättigten Fettsäuren häufiger werden, wäre dafür
die Gesamtaufnahme von mehrfach ungesättigten Fettsäuren verantwortlich und nicht nur
deren Zufuhr über Margarine. Die Autoren des zu besprechenden Artikels äußern sich in
der Diskussion auch dahingehend, daß die Veränderung des Margarinekonsums auch nur
Ausdruck von veränderter "health awareness or other living conditions" sein
könnte. Jedoch sollte ergänzend aus der von den Autoren zitierten Arbeit von Jaross et
al. (3) angemerkt werden: "We assume that the differences in nutrition and risk
profile before reunification were less substantial than commonly believed." In diesem
Vergleich der Ernährung bei 2038 Dresdnern vor und nach der Wiedervereinigung zeigte
sich, daß 17 % der gesättigten Fettsäuren durch mehrfach ungesättigte Fettsäuren
ersetzt worden waren. Gleichzeitig stieg der Konsum von Molkereiprodukten um das Dreifache
und der Obstverzehr nahm um 70 % zu.
- Die Autoren zitieren Black und Sharpe (2) in ihrer Diskussion richtig, wenn sie
schreiben, daß diese postuliert hätten, daß eine hohe Zufuhr von bestimmten mehrfach
ungesättigten Fettsäuren, wie Linolsäure, ein Risikofaktor für die Entwicklung von
Asthma und anderen Allergien im Kindesalter sein soll. Genau schreiben Black und Sharpe
von Asthma, Ekzem und allergischer Rhinitis (Heuschnupfen) und führen für alle
Krankheiten die gleiche Pathogenese bei erhöhter Zufuhr von mehrfach ungesättigten
Fettsäuren ins Feld. In der vorliegenden Arbeit fand sich aber nur für eine allergische
Erkrankung, die ausschließlich anamnestisch erfaßt wurde, ein Zusammenhang zur Änderung
des Margarinekonsums.
- Die Veröffentlichung von Black und Sharpe (2) beruht aber auf keinen eigenen
Untersuchungen, sondern stellt nur eine Hypothese auf. Diese koinzidiert
pathophysiologische Erkenntnisse des Linolsäurestoffwechsels mit der Tatsache, daß
einerseits in entwickelten Ländern der Verzehr an mehrfach ungesättigten Fettsäuren
zugenommen hätte, andererseits auch die Prävalenz an Asthma, Ekzem und allergischer
Rhinitis.
- Eine Zunahme des Butterverzehrs führte zu keiner wesentlich geringeren
Erkrankungshäufigkeit an Heuschnupfen (4,3 % gegenüber 4,5 %), die Absenkung des
Butterkonsums dagegen zu einer Zunahme auf 6,5 %. Aber auch hier ist nicht angegeben, wie
viele Familien jeweils betroffen waren und auch nicht, ob jene, die ihren Butterkonsum
verminderten, auch angaben, den Margarineverbrauch erhöht zu haben. Die Sensitivität
gegenüber 6 Aeroallergenen nahm bei Steigerung des Butterverzehrs ab (16,7 % gegenüber
27,9 %), änderte sich dagegen bei Abnahme des Butterverzehrs nicht (28,8 % gegenüber
27,9 %). Damit zeigt sich auch bei der Änderung des Butterverzehrs kein einheitliches
Bild bei der Beziehung zu den verschiedenen allergisch bedingten Erkrankungen im
Kindesalter.
Es muß daher festgestellt werden, daß diese Veröffentlichung aus verschiedensten
schwerwiegenden methodischen Gründen keine Aussage zur Beziehung zwischen Margarinekonsum
und allergisch bedingten Krankheiten im Kindesalter zuläßt.
Literatur:
- v. Mutius, E., S. K. Weiland, C. Fritzsch, H. Duhme, U. Keil: Increasing prevalence of
hay fever and atopy among children in Leipzig, East Germany." Lancet 351 (1998) 862 -
866
- Black, P. N., Sharpe, S.: Dietary fat and asthma: is there a connection? Eur. Resp. J.
10 (1997) 6 12
- Jaross, W., Bergmann, S., Wahrburg, U., Schulte, H., Assmann, G.: Dietary habits in
Eastern Germany: changes after reunification and their relation to CHD risk profiles
(DRECAN). Rev. Environ. Health 11 (1996) 27 33
|