HINTERGRUNDINFORMATIONEN
Mehrfach ungesättigte Fettsäuren und koronare Herzkrankheit
Zum Einfluß auf den Verlauf oder das Auftreten einer koronaren
Herzkrankheit liegt eine Reihe von Interventionsstudien, deren Design und Interpretation
jedoch zum Teil problematisch ist (1). Elf (2 - 12) Interventionsstudien werden immer
wieder in diesem Zusammenhang aufgeführt. Bei 4 davon konnten keine Angaben zum Gehalt
der Interventionsdiät an gesättigten Fettsäuren gemacht werden und in den meisten
Studien wurde gar kein LDL- oder HDL-Cholesterin gemessen, um damit das bestehende
kardiovaskuläre Risiko der Teilnehmer besser zu erfassen, oder um festzustellen, ob sich
durch die angewandte diätetische Intervention tatsächlich das atherogene Lipidprofil
verbessert hat, d. h. LDL-Cholesterin gesenkt und ggf. HDL-Cholesterin erhöht wurde.
So wurde in der Low-fat-Study der Gesamtfettgehalt (ohne Bevorzugung bestimmter Fettsäuren)
der Nahrung deutlich von 43,2 auf 20,4 % der täglichen Energieaufnahme gesenkt (2). Durch
die Reduktion der Fettaufnahme wurde aber sicher in nicht unerheblichem Ausmaß das
antiatherogene HDL-Cholesterin vermindert. Ob sich daher durch die Interventionsdiät
überhaupt eine Verbesserung des atherogenen Lipoproteinprofils ergeben hat, muß daher
stark bezweifelt werden.
In einer anderen, offensichtlich primärpräventiv angelegten Studie (9) wurde bei
Patienten in Nervenkrankenhäusern durch eine fettmodifizierte Ernährung das
Gesamtcholesterin im Mittel von 207 mg/dl auf 175 mg/dl verringert, in der Kontrollgruppe
auf 203 mg/dl. Es konnte kein Unterschied bezüglich der Gesamtsterblichkeit oder
koronarer Todesfälle gefunden werden. Dies ist jedoch aufgrund vorliegender Daten z. B.
aus der Scandinavian Simvastatin Survival Study auch gar nicht möglich gewesen, kam es
dort doch erst nach drei Jahren bei wesentlich stärker ausgeprägter Cholesterinsenkung
(und damit LDL-Cholesterinreduktion) zu einem Unterschied in der kardiovaskulären
Mortalität. Das Diet and Reinfarction Trial (8) und die Untersuchung von de Lorgeril (10)
waren gar nicht geeignet, die gestellte Frage nach der Bedeutung von gesättigten und
mehrfach ungesättigten Fettsäuren zu beantworten. Für das Diet and Reinfarction Trial
sind überhaupt keine Angaben zum Gehalt an gesättigten Fettsäuren aufgeführt worden
und in der Studie von de Lorgeril änderte sich das Verhältnis von mehrfach
ungesättigten zu gesättigten Fettsäuren nicht. Die Beurteilung, ob eine diätetische
Intervention das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse beeinflußt, kann auch nicht ohne
Kenntnis der Effekte auf die Serumlipoproteine (wie in der Studie von de Lorgeril)
getroffen werden. Dies ist notwendig, um die Compliance der Teilnehmer überprüfen zu
können und um auszuschließen, daß in der Kontrollgruppe durch spontane Veränderungen
der Ernährungsgewohnheiten auch die Serumlipoproteine verändert werden.
Eine weitere Interventionsuntersuchungen (12) zielte auch gleichzeitig auf die
Beendigung des Rauchens. Trotz der unterschiedlichen diätetischen Intervention und der
verschieden großen Kollektive konnte in sechs Untersuchungen (mit sinnvollem
diätetischem Ansatz) der günstige Einfluß der Intervention auf Auftreten oder Verlauf
der koronaren Herzkrankheit nachgewiesen werden. Das Ergebnis einer dieser Studien, der
Los Angeles Veterans Administration Study, zeigt, daß eine Senkung des Gesamtcholesterins
um 12,7 % das koronare Risiko deutlich beeinflußte (Tabelle 1).
Tabelle 1
Einfluß einer fettmodifizierten Ernährung auf kardiovaskuläre Ereignisse bei
Männern im Alter von 50 - 89 Jahren in 8 Jahren (5).
Ernährung
|
|
"Normal" |
Fettmodifiziert |
|
n = 422 |
n = 424 |
|
|
|
40,1 % Fett |
38,9 % Fett |
|
C 262 mg* |
C 146 mg* |
|
L 10 % |
L 38 % |
|
| Cholesterin |
|
- 12,7 % |
|
| Herzinfarkte |
40 |
27 |
| Stumme Herzinfarkte |
4 |
9 |
| Plötzlicher Herztod |
27 |
18 |
| Schlaganfälle |
22 |
13 |
|
C = Nahrungscholesterin, L = Linolsäure (mehrfach ungesättigte
Fettsäure)
Neben den oben angesprochenen fehlenden Daten, die für die Interpretation unbedingt
erforderlich wären, wurden auch wenig sinnvolle Maßnahmen durchgeführt, wie der
tägliche zusätzliche Verzehr einer bestimmten Menge an Pflanzenöl oder einfach eine
Verminderung der Fettaufnahme.
Nichtsdestotrotz ist die Datenlage in der Literatur so überwältigend, daß niemand
ernsthaft daran zweifeln kann, daß der Ersatz von gesättigten durch mehrfach
ungesättigte Fettsäuren, bei adäquatem Energiegehalt der Nahrung, LDL-Cholesterin, den
wichtigsten Risikofaktor für das Auftreten oder das Fortschreiten einer koronaren
Herzkrankheit senkt. Damit kann auch ein günstiger Einfluß auf den Verlauf der koronaren
Herzkrankheit erwartet werden.
Dies bestätigen auch die Ergebnisse von Interventionsstudien mit
Ernährungsmaßnahmen, bei denen der Verlauf der koronaren Herzkrankheit angiographisch
dokumentiert wurde:
Im Leiden-Interventions-Trial (13) wurde eine fettmodifizierte Diät (weniger
als 100 mg Cholesterin pro Tag, P/S-Quotient 2,5 = Verhältnis mehrfach ungesättigter zu
gesättigten Fettsäuren) über einen Zeitraum von 2 Jahren verabreicht. 39 Patienten mit
einer mehr als 50%igen Koronararterienstenose wurden in die Untersuchung aufgenommen. Bei
jenen Patienten, die durch diese Diät einen Gesamtcholesterin/HDL-Cholesterin-Quotienten
von unter 6,9 erreichen konnten, war bei der Rekoronarangiographie keine Progression der
atherosklerotischen Läsionen feststellbar, die Bedeutung der Cholesterin- und
LDL-Cholesterinsenkung illustrierend.
Auch in einem Arm der St. Thomas Atherosclerosis Regression Study (14) wurde der
Effekt einer fettmodifizierten Ernährung evaluiert. 90 Männer mit koronarer
Herzkrankheit erhielten entweder eine fettmodifizierte Diät oder eine fettmodifizierte
Diät und zusätzlich Colestyramin. Nach der mittleren Beobachtungszeit von 39 Monaten
zeigte sich unter fettmodifizierter Ernährung eine Verminderung des LDL-Cholesterins um
16,2 %, begleitet von einer koronarangiographisch feststellbaren Verbesserung des
mittleren Stenosendurchmessers in den Koronararterien, der sich dagegen in der
Kontrollgruppe verschlechterte.
In weiteren Studien war zwar die Ernährungsumstellung ein wichtiger Faktor der
Intervention, es wurden aber gleichzeitig andere Lebensstilfaktoren, wie Rauchen,
körperliche Aktivität und Stress, günstig beeinflußt:
In der Lifestyle Heart Study (15) wurde an einem kleinen Kollektiv (n = 22) nach
1 Jahr koronarangiographisch eine Regression von Stenosen bei 82 % der Interventionsgruppe
gezeigt. Behandelt wurde mit strenger vegetarischer Diät (10 % der täglichen
Nahrungsenergie als Fett, tgl. Cholesterinaufnahme < 5 mg), Steigerung der
körperlichen Aktivität, Psychotherapie und Beendigung des Zigarettenrauchens. Bei den
Serumlipoproteinen fand sich ausschließlich eine Reduktion des LDL-Cholesterins um 37,4
%, der Blutdruck veränderte sich nicht signifikant. Dagegen wurde in der
Interventionsgruppe durch die Ernährungsumstellung das Körpergewicht deutlich um 10,1 kg
reduziert. In der Kontrollgruppe (n = 19) waren regressive Veränderungen nur bei 42 %,
eine Progression bei 53 % nachweisbar. Der günstige Effekt nahm in der
Inter-ventionsgruppe nach insgesamt 4-jähriger Beobachtungszeit deutlich zu (16).
In einer weiteren Studie zeigte sich der günstige Effekt einer Kombination aus
gesteigerter körperlicher Aktivität und einer fettarmen Ernährung (17).
Der Ersatz von gesättigten Fettsäuren durch mehrfach ungesättigte Fettsäuren kann
bei einem Großteil der Bevölkerung LDL-Cholesterin senken. Nach dem heutigen Wissen
sinkt damit auch das Risiko für das Auftreten oder die Verschlechterung einer koronaren
Herzkrankheit. Mehrfach ungesättigte Fettsäuren sind essentiell (Linolsäure), führen
nach einer Reihe von Studien mit klinischen Endpunkten nicht zum vermehrten Auftreten von
Karzinomen und es gibt bisher auch keinen relevanten Anhaltspunkt für die Auslösung von
allergischen Reaktionen wie Heuschnupfen oder Asthma (18). In zwei neueren Meta-Analysen
konnte gezeigt werden, daß mehrfach ungesättigte Fettsäuren LDL-Cholesterin stärker
senken können als einfach ungesättigte Fettsäuren (19, 20). Daß diätinduzierte
Lipidveränderungen auch Mechanismen beeinflussen können, die für die Ruptur von
instabilen Plaques verantwortlich sind, zeigen tierexperimentelle Untersuchungen. Einrisse
von instabilen Plaques werden heute als wichtigste Ursache für das Auftreten von
Herzinarkten (Thrombusbildung an der Einrißstelle) angesehen.
Literatur
- Ravnskov, U.: The questionable role of saturated and polyunsaturated fatty acids in
cardiovascular disease. J. Clin. Epidemiol. 51 (1998) 443 - 460
- Research Committee: Low-fat diet in myocardial infarction. A controlled trial. Lancet II
(1965) 501 - 504
- Rose, G. A., W. B. Thomson, R. T. Williams: Corn oil in treatment of ischaemic heart
disease. Brit. Med. J. I (1965) 1531 - 1533
- Report of a Research Committee to the Medical Research Council: Controlled
trial of soya-bean oil in myocardial infarction. Lancet II (1968) 693 - 700
- Dayton, S., M. L. Pearce, S. Hashimoto, et al.: A controlled clinical trial of a diet
high in unsaturated fat in preventing complications of atherosclerosis. Circulation 40
(Suppl. II) (1969) II/1 - II/63
- Leren, P.: The Oslo Diet-Heart Study. Eleven-Year report. Circulation 42 (1970) 935 -
942
- Woodhill, J. M., A. J. Palmer, B. Leelarthaepin, C. McGilchrist, R. B. Blacket: Low fat,
low cholesterol diet in secondary prevention of coronary heart disease. Adv. Exp. Med.
Biol. 109 (1978) 317 - 330
- Burr, M. L., Fehily, A. M., J. F. Gilbert, et al.: Effects of changes in fat, fish, and
fibre intakes on death and myocardial infarction trial (DART). Lancet II (1989) 757 - 761
- Frantz, I. D., E. A. Dawson, P. L. Ashman, et al.: Test of effect of lipid lowering by
diet on cardiovascular risk. The Minnesota coronary survey. Arteriosclerosis 9 (1989) 129
- 135
- de Lorgeril, M., S. Renaud, N. Mamelle, et al.: Mediterranean alpha-linolenic acid-rich
diet in secondary prevention of coronary heart disease. Lancet 343 (1994) 1454 - 1455
- Hjerman, I., K. Velve Byre, I. Holme, P. Leren: Effect of diet and smoking intervention
on the incidence of coronary heart disease. Report from the Oslo Study Group of a
randomized trial in healthy man. Lancet II (1981) 1303 - 1310
- Turpeinen, O. M., J. Karvonen, M. Pekkarinen, et al.: Dietary prevention of coronary
heart disease: The Finnish Mental Hospital Study. Int. J. Epidemiol. 8 (1979) 99 - 118
- Arntzenius, A. C., D. Kromhout, J. D. Barth, et al.: Diet, lipoproteins, and the
progression of coronary atherosclerosis. N. Engl. J. Med. 312 (1985) 805 - 811
- Watts, G. F., B. Lewis, J. N. H. Brunt, et al.: Effects on coronary artery disease of
lipid-lowering diet, or diet plus cholestyramine, in the St Thomas' Atherosclerosis
Regression Study (STARS). Lancet 339 (1992) 563 - 569
- Ornish, D., S. E. Brown, L. W. Scherwitz, et al.: Can lifestyle changes
reverse coronary heart disease? Lancet II (1990) 129 - 133
- Schuler, G., R. Hambrecht, G. Schlierf, et al.: Regular physical exercise and low-fat
diet. Circulation 86 (1992) 1 - 11
- Ornish, D.: The comprehensive lifestyle change program: 4 years follow up.
Interdisziplinäre Jahrestagung der DGPR, Bad Dürrheim (1996)
- Richter, W. O.: Mehrfach ungesättigte Fettsäuren gesundheitschädlich? Lipidreport 7
(1) (1998) 3 - 6
- Mensink, R. P., M. B. Katan: Effect of dietary fatty acids on serum lipids and
lipoproteins - a meta-analysis of 27 trials. Arterioscler. Thromb. 12 (1992) 911 - 919
- Clarke, R., C. Frost, R. Collins, P. Appleby, R. Peto: Dietary lipids and blood
cholesterol: quantitative meta-analysis of metabolic ward studies. Brit. Med. J. 314
(1997) 112 - 117
|